Alexander Zverevs Aufstieg zur Nummer 1 der Tenniswelt – oder wenn ein Unvollendeter seine Biografie weiterschreibt

Donnerstag, 29. Oktober 2026, 20.20 Uhr in der Stadthalle Wien: Alexander Zverev ist Erster der Tennis-Weltrangliste. Die Nummer Eins. Eine geschichtsträchtige Notiz für den Spitzensport. Mehr als das. 25 Jahre nach Boris Becker ist wieder ein Tennisspieler aus Deutschland ganz oben angelangt. Becker, heute als sogenannter Experte noch immer ein Wohlfühl-Faktor in Sachen Tennis, und nun Zverev bei den Herren – Steffi Graf und Angelique Kerber bei den Frauen: Sie grüßten und grüßen von ganz oben. Eben als Nummer 1 der Tennis-Welt.

Dabei war Zverevs Aufgabe im Achtelfinale von Wien alles andere als leicht. Er hatte es mit dem Niederländer Tallon Griekspoor zu tun – einem, der in der Lage ist, Gefühl und Gespür für die Situation anzuzapfen, bisweilen den Schwung des Gegners mitzunehmen und mit seiner starken Vorhand den Rhythmus des Spiels zu bestimmen. Zverev indessen setzte seine Waffen ein. Seine stärkste, der Aufschlag, gilt seit Jahren als Barometer seines Spiels. Im Gegensatz zu früheren Zeiten aber ist das Service des 1,98 Meter Großen variabler und vielfältiger geworden – schwerer zu lesen für jeden Gegner. Und der entscheidende, zentrale Punkt: Alexander Zverev verbesserte im vergangenen Jahr seine Court-Position. Verlegte die nach vorne. Sie ermöglicht es ihm, offensiver und aggressiver zu spielen. Gelingt ihm das – was er in erster Linie selbst bestimmt -, ist er von kaum einem der Welt zu schlagen; auch die Gleichgesinnten der Weltrangliste, der Italiener Jannik Sinner und der Spanier Carlos Alcaraz, geraten dann mehr unter Druck, als es ihnen lieb sein kann.

Und das Beste: Die nach vorn geschobene Court-Position ermöglicht es Zverev, die „Transition“ besser zu gestalten – das Übergangsspiel und Aufrücken ans Netz. Denn sein Serve-and-Volley-Spiel wird immer besser – ganz nach dem Leitbild seines Bruders Mischa, der als glänzender dieses Fachs bekannt war. Auch sein Grundlinien-Spiel ist konstanter geworden. Abzulesen an der Vorhand, die neben seinem Aufschlag als Bestimmungsgröße gilt. Läuft die Vorhand, läuft auch sein Spiel. Seine Rückhand ist eh die Weltbeste; läuft hier Zverevs Arm locker, ist sie – ob Longline oder Cross-Court geschlagen, nicht zu retournieren. Bleiben zwei Dinge, die ihn ebenfalls auszeichnen: Smash- oder Überkopf-Spiel und Beinarbeit. Über Kopf verwandelt er nahezu jeden Ball; er nimmt in dieser Art auch Bälle in der Halbdistanz, Bälle, die andere erst aufspringen lassen. Beinarbeit und Fitness sind Weltklasse – für einen Spieler dieser Körpergröße erstaunenswert. Er erläuft im Grunde alles, auch viele Stops des Kontrahenten – es sei denn, Zverev steht zu weit hinter der Grundlinie.

Defizite? Schlägt der Gegner in Zverevs Vorhandseite auf, bekommt er ab und an Probleme. Immerhin muss der Kontrahent weit nach außen und sehr präzise servieren. Auch seine Stellung zum Ball ist hier und da verbesserungswürdig. Stark ist er, sobald er „in den Ball reingeht“ – dann ist er unschlagbar. Auch beim Return, bei dem er eigentlich gut ist, kann er noch etwas draufpacken. Und diese Schläge – Aufschlag, Return und gegebenenfalls dritter Ball ,- werden nun mal immer wichtiger. Es tut niemandem gut im Sport, sobald man die Nummer 1 ist, zu glauben, man müsse nichts mehr verbessern.

Nach diesen Bestandteilen, was den Spieler Zverev ausmacht, kurz zurück zum Duell gegen Griekspoor. Das Match, das 6:4 und 7:5 endete, lief wie so viele in der verdammt engen Weltspitze ab. Und man kann – und auch das zeichnet Zverev aus – fast die Uhr danach stellen, dass „Sascha“ Zverev die Big Points macht. In der „Crunchtime“, der Zeit der Entscheidung. Dadurch unterscheiden sich die Besten von anderen, dass sie die Punkte dann machen, wenn sie diese brauchen; siehe Dimitrij Ovtcharov für den Tischtennis.Bundesligisten TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell. Dima – auch eine Nummer 1. Eine ehemalige. Und noch immer hält er sich in der Weltspitze. Mit fast 40 Jahren. Nicht von ungefähr veröffentlichte das Fachmagazin „Kicker“ kürzlich einen Beitrag über beide, der erstaunliche Parallelen bereithielt.

Dass in und hinter diesen Erfolgen viel Arbeit steckt, sehen und erkennen die Wenigsten. Zverev galt als großes Talent – doch das reicht längst nicht. Harte Arbeit steckt dahinter. Jahrelange harte Arbeit. Trainings-Besessenheit ohne Ende. Tag für Tag. Sonst wird‘s nix. 13 Jahre war Sascha Zverev auf der Tour der Tennis-Welt unterwegs – seine ebenfalls begnadeten Landsleute Medvedev (ein Mozart des Tennis), Rublev (ein Zocker, aber mit so viel Talent gesegnet), Kachanov (auch einer, „der im Grunde alles hat“), Bublik (ihm fehlt nicht so viel) oder gar Basilashvili haben es nicht so weit gebracht. Zverevs Vorteil: Er konnte reifen in der russischen Sportler-Familie Zverev. Und die Geduld zahlte sich jetzt aus. Erstmals schaffte es die Kombination Vater Alexander Senior und Sohn Alex – den anderen und älteren Sohn, Mischa, nicht zu vergessen – an die Spitze der Tennis-Welt.

So weit und so lange – wie in Ovtcharovs Kosmos – wird Zverevs Status wohl nicht halten. Aber das ist auch völlig uninteressant. Schon kommen einige aus der Welt der Öffentlichkeit und der Wahrnehmung daher und vergleichen die deutschen Spitzenkräfte, wer wie lange die Nummer 1 war. Boris Becker schaffte es zwölf Wochen, Angelique Kerber 34 Wochen, die noch „lebende Legende“ – hier ist das Wortspiel angebracht -, Steffi Graf gar 377 Wochen. Ebenso unangebracht schien es, als „hochgerechnet“ wurde, wann es Alexander Zverev denn schaffen würde, „auf die Eins zu springen“. Es stand ja fest, dass es noch in 2026 sein würde. Doch sind solche Rechnungen fair einem Sportler gegenüber? Was hat das mit Sport zu tun, fragt man sich.

In diesem Zusammenhang – und spätestens jetzt – kommt Daniel Müksch ins Spiel. Jener Sport-Journalist aus Hauneck-Eitra, der Anfang September eine Lesung beim TC Johannesberg in Bad Hersfeld gab – und einst selbst ein sehr guter Tennis-Spieler war. Er schrieb für den „Merkur“, den „Fokus“ oder andere einschlägigen Zeitungen, Zeitschriften oder Fachmagazine. Heute schlägt sein Puls an allen bedeutenden Stätten des Weltsports, am Montag noch war er bei der „Ballon-d‘Or-Gala“ im London anwesend, ehe er zum hochrangig besetzten Turnier nach Wien reiste. Er hat sich mit allen Größen der Tennis-Welt beschäftigt. Er schrieb Bücher über die Spitzenkräfte. Jenes über Zeverv trug zunächst den Titel „Der Unvollendete“. Längst hat er seine Arbeit aktualisiert – heute heißt sie „Alexander Zverev. Die Biografie“. Einige Kapitel folgen – wetten? Mehr als nur das des 29. Oktober 2026. +++ rl

fuldainfo.de

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