80 Jahre Hessen aus Fuldaer Perspektive: Ausstellung macht Wandel und Kontinuität sichtbar

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Fulda nutzt den Hessentag 2026 nicht nur als Bühne für Begegnung und Feierlichkeiten, sondern auch als Ort der historischen Selbstvergewisserung. Mit der Sonderausstellung „80 Jahre Hessen mit Fulda. Menschen, Momente und Wandel“ schlägt das Vonderau Museum einen weiten Bogen von den Nachkriegsjahren bis in die Gegenwart und verbindet die Geschichte des Landes Hessen mit der Entwicklung der Stadt Fulda zu einer vielschichtigen Erzählung über Wandel, Identität und demokratische Kontinuität, heißt es auf fuldainfo.de.

Die Ausstellung, die vom 2. bis 16. August 2026 im Vonderau Museum am Jesuitenplatz gezeigt wird, wurde gestern eröffnet. Sie steht im Kontext mehrerer Jubiläen, die das Jahr prägen: Fulda ist vom 12. bis 21. Juni zum zweiten Mal nach 1990 Gastgeberin des Hessentags, zugleich begeht das Land Hessen sein 80-jähriges Bestehen. Vor diesem Hintergrund richtet die Schau den Blick auf acht Jahrzehnte Landes- und Regionalgeschichte und lädt dazu ein, die Entwicklung Hessens anhand ausgewählter Fotografien und historischer Zeugnisse nachzuvollziehen.

Im Mittelpunkt steht eine umfangreiche Fotosammlung, die historische Aufnahmen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs mit aktuellen Fotografien verbindet. Die Gegenüberstellung macht sichtbar, wie sich Stadtbild, Gesellschaft und Kultur verändert haben. Dabei treten nicht nur Fortschritt und Modernisierung hervor, sondern auch Brüche, Verluste und die Fähigkeit einer Region, sich immer wieder neu auszurichten. Ergänzt wird die Ausstellung durch den Beitrag „Von der Schreibstube zur digitalen Verwaltung“ des Hessischen Ministeriums des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz.

Dieser Ausstellungsteil zeichnet die Entwicklung der öffentlichen Verwaltung seit 1945 nach. Ausgehend von der sogenannten Stunde Null dokumentiert er den Weg von handschriftlich geführten Akten und frühen Datenverarbeitungssystemen bis hin zu digitalen Verwaltungsangeboten und modernen Arbeitsformen. Die Präsentation verdeutlicht, wie technischer Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen die Arbeit staatlicher Institutionen geprägt haben und weiterhin prägen.

So entsteht ein Gesamtbild, das Landesgeschichte, Stadtentwicklung und Verwaltungsmodernisierung miteinander verknüpft. Die Ausstellung erzählt von gesellschaftlichem Wandel ebenso wie von institutioneller Beständigkeit und zeigt ein Bundesland, das sich seit dem Ende des Krieges kontinuierlich verändert hat, ohne seine demokratischen Grundlagen aus dem Blick zu verlieren.

Zur Vernissage begrüßte Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld zahlreiche Gäste aus Politik, Kirche, Kultur und Gesellschaft. Nach einem musikalischen Auftakt durch das Bläserquartett „Die Brässbande“ der städtischen Musikschule Fulda unter Leitung von Martin Klüh würdigte er die Ausstellung als gemeinsames Projekt von Stadt und Land Hessen im Rahmen des Hessentags. Wingenfeld erinnerte daran, dass Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg als neues Bundesland entstanden sei und der Hessentag seit 1961 Identität, Gemeinschaft und Zusammenhalt stärke. Historische Erinnerung, so seine Botschaft, sei eine wichtige Voraussetzung für die Gestaltung der Zukunft. Die Ausstellung mache sichtbar, wie eng die Geschichte Fuldas mit der Entwicklung Hessens verbunden sei, und eröffne zugleich die Möglichkeit, die eigenen kulturellen Wurzeln neu zu betrachten. Während des Hessentags ist die Schau im Erdgeschoss des Museums kostenfrei zugänglich.

Besonderes Gewicht legte der Oberbürgermeister auf die Entstehungsgeschichte des Hessentags. Das Landesfest sei 1961 vom damaligen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn in Alsfeld unter dem Leitmotiv „Hesse ist, wer Hesse sein will und sich hier und heute zu uns bekennt!“ ins Leben gerufen worden. In diesem Satz, so Wingenfeld, liege bis heute eine Kraft, die für das gesellschaftliche Miteinander von großer Bedeutung sei. Zinn und der frühere Fuldaer Oberbürgermeister sowie Landtagsabgeordnete Cuno Raabe, beide aus dem Widerstand gegen das NS-Regime hervorgegangen, hätten maßgeblich am demokratischen Neubeginn mitgewirkt. Der Hessentag sei von Beginn an nicht nur als Fest gedacht gewesen, sondern auch als Instrument, um Zusammenhalt zu fördern – insbesondere in einer Zeit, in der unter den damals rund fünf Millionen Einwohnern Hessens etwa eine Million Heimatvertriebene lebten.

Ministerialdirigent Andreas Monz, Abteilungsleiter der Zentralabteilung im Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, überbrachte die Grüße von Innenminister Professor Dr. Roman Poseck und dankte dem Vonderau Museum für die Zusammenarbeit. Er stellte den Ausstellungsteil zur Verwaltungsentwicklung vor und betonte die Bedeutung einer leistungsfähigen, modernen und bürgernahen Verwaltung für das Vertrauen der Bevölkerung in Staat und Demokratie. Fulda sei hierfür ein anschauliches Beispiel, da die Stadt in den vergangenen Jahren zahlreiche Schritte zur Digitalisierung ihrer Verwaltungsangebote umgesetzt habe.

Auch Museumsleiter Dr. Frank Verse hob die historische Dimension der Ausstellung hervor. Mit Blick auf die Beziehungen zwischen Hessen und Fulda erinnerte er daran, dass diese über Jahrhunderte keineswegs spannungsfrei gewesen seien. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit hätten Territorialkonflikte zwischen den Landgrafen von Hessen und den Fuldaer Fürstäbten beziehungsweise Fürstbischöfen die Region geprägt. Sowohl während des Bauernkrieges als auch im Dreißigjährigen Krieg habe Fulda zeitweise vor einer Eingliederung in die hessische Landesherrschaft gestanden. Selbst die Eingliederung in das Kurfürstentum Hessen nach dem Wiener Kongress sei in Fulda nicht überall auf Zustimmung gestoßen. Heute jedoch, so Verse, sei man in Fulda und Osthessen stolz darauf, Teil eines starken Bundeslandes zu sein. Zugleich könne Hessen auf eine kulturell und wirtschaftlich starke Region bauen.

Bei der Konzeption der Ausstellung stellte sich die Frage, wie sich acht Jahrzehnte hessischer Geschichte aus Fuldaer Perspektive vermitteln lassen. Angesichts von mehr als 1.200 Veranstaltungen und Attraktionen während des Hessentags entschied man sich bewusst für eine kompakte Form. Ausgewählte Fotografien erinnern an prägende Ereignisse aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und versteht sich ausdrücklich als subjektiver Zugang zur Geschichte.

Der historische Rundgang beginnt mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945. In den ersten Nachkriegsjahren standen Entnazifizierung, Wiederaufbau und die Gründung des Landes Hessen im Mittelpunkt. Zu den prägenden Persönlichkeiten dieser Zeit gehörten Karl Geiler als erster von den Amerikanern ernannter Ministerpräsident, Christian Stock als erster frei gewählter Regierungschef Hessens sowie auf Fuldaer Seite Cuno Raabe als erster frei gewählter Oberbürgermeister und Landtagsabgeordneter.

Die Währungsreform und die Einführung der D-Mark markierten wichtige Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Während die 1950er Jahre noch deutlich von den Folgen des Krieges geprägt waren, machte sich zugleich der wirtschaftliche Aufschwung bemerkbar. Fulda erlebte die Auswirkungen der deutschen Teilung besonders unmittelbar, da die Stadt zur Grenzregion wurde. Die Errichtung der ersten Radome auf der Wasserkuppe im Jahr 1959 spiegelte die zunehmenden Spannungen des Kalten Krieges wider. Gleichzeitig entstanden kulturelle und wirtschaftliche Impulse, etwa durch das Fuldamobil, die Gründung der Documenta in Kassel oder den Jungen Kunstkreis in Fulda mit Künstlern wie Franz Erhard Walther. Auch der 76. Deutsche Katholikentag 1954 in Fulda zählt zu den markanten Ereignissen dieser Zeit.

Die 1960er Jahre standen im Zeichen tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Die Berliner Mauer zementierte die deutsche Teilung, während die Studentenbewegung die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit vorantrieb. Hessen entwickelte sich zugleich zu einem wichtigen Hochtechnologiestandort. Das Europäische Hauptflugkontrollzentrum in Darmstadt wurde zum Symbol dieser Entwicklung. Mit der Gründung des Hessentags erhielt das Land zudem ein Fest, das bis heute als Ausdruck regionaler Identität verstanden wird.

Die Ölkrise prägte die 1970er Jahre ebenso wie die Terroranschläge der RAF und die hessische Gebietsreform. Für Fulda bedeutete diese Reform den Verlust der Kreisfreiheit. Zugleich wurde mit der Gründung der Fachhochschule Fulda ein entscheidender Grundstein für die spätere Entwicklung als Hochschul- und Bildungsstandort gelegt.

In den 1980er Jahren bestimmten Debatten über Nachrüstung, Waldsterben, Ozonloch, Atomenergie und die Startbahn West die öffentliche Diskussion. Die Katastrophe von Tschernobyl verlieh diesen Themen zusätzliche Dringlichkeit. Politisch etablierten sich die Grünen dauerhaft. Das prägende Ereignis blieb jedoch der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989, dessen Folgen in der Grenzregion Fulda unmittelbar spürbar wurden.

Die 1990er Jahre brachten die deutsche Einheit, die ersten gesamtdeutschen Wahlen und eine stärkere europäische Integration. Mit dem Ende des Kalten Krieges ging die amerikanische Militärpräsenz in Fulda deutlich zurück. Die Stadt richtete den Hessentag und die Landesgartenschau aus und setzte mit der Erweiterung des Vonderau Museums, den Domplatzkonzerten und der Veranstaltungsreihe „Literatur im Stadtschloss“ kulturelle Akzente.

Die ersten Jahre des neuen Jahrtausends standen im Zeichen der europäischen Integration und großer sportlicher Ereignisse wie der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland sowie des Gewinns der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2003. Der Orkan Kyrill und die Finanzkrise 2008 hinterließen deutliche Spuren. Fulda profitierte gleichzeitig von seiner Lage im Zentrum Deutschlands und Europas. Neue Gewerbegebiete entstanden, Kongresse und Messen etablierten sich.

Die 2010er Jahre waren geprägt von Eurokrise, Flüchtlingskrise und Klimadebatte. Die Ermordung Walter Lübckes lenkte den Blick auf die Gefahr des Rechtsextremismus. Daneben gab es Entwicklungen, die das Land kulturell und gesellschaftlich prägten: die Aufnahme des Bergparks Wilhelmshöhe in die Liste des UNESCO-Welterbes, die Eröffnung der neuen Frankfurter Altstadt und die Veröffentlichung des Langenscheidt-Wörterbuchs „Hessisch“. Hinzu kamen der Weltmeistertitel der deutschen Fußballnationalmannschaft 2014 und das legendäre 7:1 gegen Brasilien. In Fulda entstanden mit dem Genussfestival und dem Musicalsommer zwei Veranstaltungsformate mit überregionaler Ausstrahlung. Das Jubiläum „1.000 Jahre Markt-, Münz- und Zollrecht“ sowie die Auszeichnung als „Sternenstadt“ setzten weitere Akzente.

Die 2020er Jahre schließlich stehen bislang im Zeichen erheblicher Herausforderungen. Der Anschlag von Hanau, die Corona-Pandemie, das Dürrejahr 2022 und die wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine haben das Jahrzehnt geprägt. Der ursprünglich für 2021 geplante Hessentag in Fulda musste pandemiebedingt abgesagt werden. Gleichzeitig wurden wichtige Zukunftsprojekte vorangetrieben, darunter der Ausbau erneuerbarer Energien.

Für Fulda markierten die vergangenen Jahre dennoch eine Phase kultureller Expansion. Mit der Villa Franz Erhard Walther und dem Deutschen Fastnachtsmuseum wurden 2022 zwei neue Museen eröffnet. Gemeinsam mit weiteren Einrichtungen bilden sie heute den Verbund der Fulda Museen mit insgesamt 13 Häusern. Die Landesgartenschau 2023 erwies sich als großer Erfolg. Die offizielle Eröffnung der Ausstellung übernahmen schließlich Vera und Max Dudyka, das Hessentagspaar, das inzwischen mit Tochter Flora zur kleinen Hessentagsfamilie geworden ist.

Die Ausstellung im Vonderau Museum versteht sich nicht als abschließende Bilanz von 80 Jahren Landesgeschichte. Vielmehr zeigt sie, wie eng die Entwicklung Hessens mit den Erfahrungen seiner Regionen verbunden ist. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie macht Geschichte nicht als abstrakte Abfolge politischer Ereignisse sichtbar, sondern als lebendige Verbindung von Erinnerungen, Umbrüchen und Identität – und erinnert daran, dass die Zukunft eines Landes stets auf den Erfahrungen seiner Vergangenheit aufbaut. +++ red.

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