SG Barockstadt-Trainer Jagatic: Der Wille. Die Mentalität. Diesen Schwung müssen wir mitnehmen

Die wichtigste Botschaft kam vom Trainer. Ausgangs der Pressekonferenz sagte Miro Jagatic: „Der Wille. Diese Mentalität. Diesen Schwung müssen wir mitnehmen.“ Der fußballerische Wert war an diesem Tag nicht so wichtig, zumal der Boden in der Johannisau recht tief, kräftezehrend und nicht leicht zu bespielen war. Vielmehr setzte die SG Barockstadt beim 2:1-Heimsieg gegen die Zweite des Bundesligisten Mainz 05 auf Tugenden, auf die es ankam in dieser Situation: Kampf-, Zweikampf- und Einsatzstärke, Wille eben und Mentalität. Diese Ingredenzien führten zum zweiten Saisonsieg (nach dem Auftakterfolg in Trier) – und zum ersten Heimsieg. Und das Ende Oktober.

So existenziell und „lebenswichtig“ (manche bemühen die im Fußball oft verwendete Plattitüde „wir leben noch“) – dieser dreifache Punktgewinn hat die Lage der SGB nicht wirklich verbessert. Nur verändert. Ein Ausschnitt des Tabellenbildes nach 13 von 17 Spieltagen der Vorrunde verdeutlicht dies: die SGB ist weiterhin Letzter (9 Punkte), Ulm punktgleich Vorletzter (auch 9, vor dem Spiel am Sonntag gegen Homburg), die auf den drittletzten Platz abgerutschten Mainzer und die Zweite aus Kaiserslautern (je 11), der nach dürren letzten Wochen nach unten geratene FSV Frankfurt und Astoria Walldorf (je 13), sowie der KSV Hessen mit 14 – und ins Auestadion nach Kassel führt die Reise der SGB am nächsten Samstag.

Wie man ein Fußballspiel in dieser Situation und bei diesen Platzverhältnissen gewinnt, das zeigte die SGB in der ersten Hälfte eindrucksvoll. Sie war willensstark und präsent, hungrig und gewann viele Zweite Bälle. Und der Schachzug des Trainers, Hans Sarpei offensiv einzusetzen im Mittelfeld, war genial. Der Ex-Zweitligaspieler entschied manch offensiven Zweikampf für sich – dort, wo seine Stärken gut zum Tragen kommen -, sicherte den Ball in der Folge mit dem Körper stark – und er hatte stets ein Auge für die Situation, dafür, den besser postierten Mittspieler mitzunehmen. Die Rolle als „Abfang- und Aufbaujäger“ füllte Sarpei perfekt aus – solange die Kräfte des gesundheitlich Angeschlagenen reichten.

Früher Lohn für das Engagement der SGB war das 1:0 nach gut zehn Minuten: Leon Pomnitz trat eine Ecke von rechts an den kurzen Pfosten, Mainz verhielt sich fast so, als wolle die Mannschaft die Situation nicht klären, jedenfalls alles andere als konsequent, Moritz Dittmann lauerte, nahm den zweiten Ball direkt und traf mit kernigem Schuss zur Führung. Mehr noch: Der Gastgeber hätte deutlicher führen können zur Pause. Arlind Iljazis Schuss wurde im letzten Moment geblockt (29.). Die Zuschauer waren begeistert, als sich „Ditti“ einen Ball erkämpfte und sich über rechts durchsetzte, „Hille“ die zu weit geratene Flanke aufnahm, und „Fleißarbeiter“ Ivankovic, der viele Zweite Bälle gewann, von der Strafraumgrenze abzog, sein Schuss aber knapp neben das Tor ging (35.). Oder als Gästetorhüter Babatz – Sohn des ehemals in Eiterfeld spielenden Christof – Schmitts Distanzschuss abwehrte (38.).

Das Lob des Trainers blieb anschließend nicht aus. „Mir hat die erste Halbzeit richtig gut gefallen“, sagte Jagatic, „wir waren präsent und haben Räume gefunden, die gegen die Mainzer schwer zu finden sind. Wir haben nur verschlafen, das zweite Tor nachzulegen“. So leidenschaftlich die SGB-Leistung im ersten Abschnitt war, so mies war die Vorstellung des Gäste-Teams. Die war dem Auftritt, der Leistung und Präsentation eines Bundesliga-Nachwuchsteams nicht würdig. Natürlich ist sie von der Leistung des Gegners abhängig – es spricht für die SGB, dass sie Mainz nicht reinließ ins Spiel. Damit aber macht man es sich in der Beurteilung zu leicht. Sie wäre oberflächlich. Mainz bot sehr wenig: schwacher, schleppender Spielaufbau mit wenig Tempo und Direktheit, die „Sechser“ Vött und Malli waren kaum zu sehen, der zentrale Bereich oder die „rote Zone“ funktionierten zunächst nicht, der Gast fand dort keine Räume oder bewegte sich schlecht. Von Haidari war so gut wie nichts zu sehen auf der rechten Schiene, der ehemalige Dortmunder Nachwuchsspieler Cherny zeigte ebenso wie der dahinter spielende Ugljanin immerhin Ansätze, Kadrijaj arbeitete als Zielspieler im Zentrum eigentlich ganz gut – die Offensivkräfte litten indessen unter dem mangelnden Aufbau- und Mannschaftsspiel.

So mancher Fehler in der Ballan- und Mitnahme kam hinzu, unsauber waren Anspiel und Ballverarbeitung. „Meine Mannschaft war nicht mutig“, etikettierte Trainer Benjamin Hoffmann, einst auch im BVB-Nachwuchsbereich tätig. „Wir haben falsche Räume gesucht. Und hatten ein Quäntchen Glück, nur mit einem 0:1 in die Pause zu gehen.“ Auch wenn Cherny und Ugljanin eine erste Chance hatten (5.), wenn Cherny einen Elfer hätte bekommen können (11.), und Cherny viel zu früh und überhastet abschloss (45.). Die letztgenannte Szene schien ein Symbol für den Auftritt der Gäste gewesen zu sein.

Bei der SGB kamen Elekwa und Lokaj für die gesundheitlich angeschlagenen Sarpei und Schmitt. Die Spieler, die reinkamen, hätten sich erst einmal an die neue Situation anpassen müssen, bemerkte Jagatic später – und beim Gastgeber kam, obwohl Ivankovic (56., nach Reinhard-Ablage übers Tor) und Elekwa, dessen Kopfball aufs Tornetz ging (61.) Möglichkeiten hatten -, ein Bruch ins Spiel. Sicher auch, weil Mainz stärker werden musste. Und dies auch tat. Ex-Bundesligaspieler Malli lebte auf, wurde offensiv präsenter. Sein Team suchte nun offensive Räume und besetzte die besser – ohne als Mannschaft wirklich gut zu sein. Vött kam nach Ugljanins Freistoß völlig frei zum Kopfball (49.). Eine schwache Eingabe des eingewechselten Preßler kam hinzu (55.). Der Gast arbeitete mehr – auch am Ausgleich. Auch wenn der Elfmeter eher unberechtigt erschien: Die SGB, die jetzt zu passiv war, bot defensive Halbräume an – auf ihrer rechten Abwehrseite. Hierüber entstand auch die Elfmeter-Situation.

Es gab indessen keinen Zweifel, dass die SGB am Sieg drehte. Auch wenn die späten Tore in ihrer Entstehung eher glücklich fielen – und aus Gästesicht kaum zu glauben waren. Fünf Minuten waren der regulären Spielzeit waren es noch in der Johannisau – da passierten zwei Ereignisse, die Hoffmann so kommentierte. „Zum dritten Mal in Folge hatten wir aus dem 0:1 ein 1:1 gemacht. Wir waren meiner Meinung nach auch die bessere Mannschaft in der zweiten Halbzeit – und dann, so ist Fußball, bekommen wir zwei Slapstick-Tore. Das war der siebte oder achte Elfmeter, den wir so kriegen.“ Das 2:1 für die SGB fiel, als der Mainzer Verteidiger den Ball schon abgedeckt hatte mit seinem Körper – er ihm aber an die Hand sprang. Das 1:3 fiel so: Maxi Weisbäcker warf schnell ab auf „Hille“, der flankte weit bis in die Box des Gastes, Keeper Babatz und „Ditti“ gingen Seite an Seite hoch zum Kopfball – die Kugel prallte weiter und der eingewechselte Wähling nahm das Geschenk an.

Hoffmann gratulierte der SGB zu dieser „tollen Energieleistung“. Eine Notiz am Rande: Sein Team hat erst 13 Tore geschossen in 13 Spielen dieser Saison; Kaiserslautern II bringt es auf 14, die SGE-Zweite, die sich erst einmal aus dem Schneider gebracht hat, 15 – das sind U-Teams von Bundesligisten. Egal, der SGB war alles recht. Sie hatte sich den Sieg verdient. Der wird ihr moralische Unterstützung geben auf dem Weg zum Kampf um den Klassenerhalt. Die Worte des Trainers klingen wie Musik in den Ohren. Fast locken sie aus dem Bau. Wie sagte Jagatic? „Wille. Mentalität. Diesen Schwung müssen wir mitnehmen.“ Aucin Kassel, bitte.

SG Barockstadt: Weisbäcker – Iljazi, Habermehl, Frey, Hillmann – Ivankovic, Pomnitz – Sarpei (46. Elekwa), Dittmann (90.+3 Mitfari), Schmitt (46. Lokaj), Reinhard (81. Wähling)

Mainz U23: Babatz – Marincau, Schulz, Burger (46. Rahmann) – Vött, Malli – Horlbeck (80. Gabriel), Ugljanin (67. Gitau) – Haidara (46. Preßler), Kadrijaj, Cherny (78. Debrah)

Schiedsrichter: Mathias Heilig

Tore: 1:0 Moritz Dittmann (11.), 1:1 Yunus Malli (70., Foulelfmeter), 2:1 Moritz Dittmann (86., Handelfmeter), 3:1 Nicolaus Wähling (88.)

Zuschauer: 920 +++ rl

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