Die Diskussion um eine mögliche Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre erhält eine neue Wendung. Der Rentenökonom Axel Börsch-Supan sieht derzeit keinen Anlass für einen solchen Schritt. Eine „Rente mit 70“ liege aus seiner Sicht noch in weiter Ferne.
Begründet wird dies mit der Entwicklung der Lebenserwartung. Diese steige nur langsam. „Grob gesagt müsste man etwa alle 14 Jahre ein Jahr länger arbeiten“, erklärte Börsch-Supan. Vor diesem Hintergrund sei die aktuelle Debatte aus seiner Sicht verfrüht.
Stattdessen plädiert der Leiter des Munich Research Institute for the Economics of Aging für mehr Flexibilität beim Renteneintritt. Wer früher aus dem Berufsleben ausscheide, solle stärker belastet werden als bislang. Der derzeitige Abschlag von 3,6 Prozent sei zu niedrig angesetzt. Nach seinen Berechnungen müsste dieser bei rund fünf Prozent liegen, um die tatsächlichen Kosten realistisch abzubilden.
Deutliche Kritik äußert der Ökonom an bestehenden rentenpolitischen Regelungen. Als besonders folgenreich bezeichnet er die sogenannte Haltelinie beim Rentenniveau sowie die abschlagsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren. Allein die Haltelinie werde nach seinen Einschätzungen Mehrkosten „in der Größenordnung von 200 Milliarden Euro“ verursachen.
Zugleich warnt Börsch-Supan vor finanziellen Belastungen für das System in absehbarer Zeit. Spätestens ab dem Jahr 2031 drohe ein spürbarer Anstieg der Beiträge um etwa zwei Prozentpunkte. Hintergrund sei, dass die Rücklagen der gesetzlichen Rentenversicherung, derzeit bei rund 40 Milliarden Euro, dann aufgebraucht sein könnten.
Besonders kritisch bewertet der Ökonom die sogenannte Rente mit 63. Entgegen der ursprünglichen Zielsetzung werde sie vor allem von gutverdienenden und gesunden Beschäftigten in Anspruch genommen. Würde diese Regelung abgeschafft, könnten nach seinen Berechnungen innerhalb von zwei Jahren mehr als eine halbe Million zusätzliche Arbeitskräfte im System gehalten werden.
Die Debatte um die Zukunft der Altersvorsorge bleibt damit vielschichtig. Während Forderungen nach einer weiteren Anhebung des Renteneintrittsalters immer wieder laut werden, setzt Börsch-Supan auf andere Stellschrauben – und rückt die Frage nach mehr Flexibilität und finanzieller Stabilität des Systems in den Mittelpunkt. +++ red.











