Die anhaltende Hitze und das damit verbundene Rekord-Niedrigwasser auf deutschen Flüssen rücken zunehmend auch als wirtschaftliches Problem in den Mittelpunkt. Während die Bundesregierung mit kurzfristigen Maßnahmen auf die angespannte Situation reagiert, fordert der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestages und Berichterstatter der Grünen-Fraktion für Binnenschifffahrt, Tarek Al-Wazir, einen langfristigen Kurs. Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnt vor den Folgen des Extremwetters für Produktion und Konjunktur.
Al-Wazir hält die bislang vorgeschlagenen Maßnahmen der Bundesregierung für notwendig, sieht darin aber keine ausreichende Antwort auf die Entwicklung der kommenden Jahre. „Die vorgeschlagenen Maßnahmen des Bundesverkehrsministers sind kurzfristige Maßnahmen aus der Not des Niedrigwassers heraus, es fehlt jedoch ein langfristiger Plan für die sehr sicher kommenden Dürren der nächsten Jahre“, sagte der Grünen-Politiker der „Rheinischen Post“.
Die Aufhebung des Sonntagsfahrverbots oder das Verschieben von Baustellen könne in der aktuellen Situation punktuell Entlastung bringen. Gerade während einer akuten Niedrigwasserlage müssten nach Al-Wazirs Auffassung alle verfügbaren Transportkapazitäten genutzt werden. Gleichzeitig dürfe die ohnehin dringend notwendige Verbesserung des Schienennetzes nicht ins Hintertreffen geraten. Der Zustand der Schienen sei schließlich selbst Teil des Problems.
Bei geplanten Bauarbeiten müsse deshalb sehr genau geprüft werden, welche Maßnahmen kurzfristig verschoben oder anders organisiert werden könnten, damit besonders wichtige Güterverkehrskorridore offenblieben. Einen pauschalen Baustopp lehnt Al-Wazir allerdings ausdrücklich ab. Angesichts des enormen Sanierungsstaus bei der Infrastruktur wäre dies aus seiner Sicht der falsche Weg. Marode Schienen und Straßen müssten dringend saniert werden, weil andernfalls ein noch größeres Verkehrsproblem drohe.
Hinter der aktuellen Debatte steht damit eine grundsätzliche Frage: Wie robust ist die deutsche Verkehrsinfrastruktur, wenn extreme Wetterlagen häufiger auftreten? Für Al-Wazir zeigt die derzeitige Situation erneut, dass kurzfristiges Krisenmanagement allein nicht ausreicht. Die Binnenschifffahrt müsse dauerhaft widerstandsfähiger gegen Niedrigwasser werden. Dazu gehörten nach seiner Ansicht auch stärker geförderte niedrigwassergeeignete Schiffe. Gerade bei dieser Förderung sieht der Grünen-Politiker die Bundesregierung jedoch auf dem falschen Kurs.
Al-Wazir kritisiert, dass die Bundesregierung diese Förderung im Haushaltsentwurf für 2027 im Vergleich zum laufenden Jahr halbieren wolle. „Das muss korrigiert werden“, forderte er. Aus seiner Sicht geht es damit nicht nur um die Bewältigung der aktuellen Niedrigwasserlage, sondern um die Frage, wie der Güterverkehr auf deutschen Wasserstraßen angesichts künftig häufiger erwarteter Dürren funktionsfähig gehalten werden kann.
Die wirtschaftliche Dimension der Wetterlage reicht allerdings weit über die Binnenschifffahrt hinaus. DIW-Präsident Marcel Fratzscher warnt vor den Folgen der Hitzewelle für die deutsche Wirtschaft. Wenn Menschen bei hohen Temperaturen häufiger krank seien, belaste dies auch die Produktion, sagte Fratzscher dem Nachrichtenmagazin „Politico“. Extremwetter könne sich damit unmittelbar in einer steigenden Zahl von Krankheitstagen niederschlagen.
Fratzscher blickt deshalb mit Skepsis auf die weitere Konjunkturentwicklung in diesem Jahr. Trotz des jüngsten Auftragsplus in der Industrie hält er eine Stagnation der deutschen Wirtschaft für möglich. Ein ganz leichtes Wachstum sei derzeit ebenso denkbar wie ein erneutes Schrumpfen der Gesamtwirtschaft. Insbesondere für die Industrie bleibt die Lage aus seiner Sicht schwierig.
Die gestiegenen Aufträge seien zwar grundsätzlich ein positives Signal, sagte Fratzscher. Gleichzeitig gebe es mindestens ebenso viele negative Nachrichten. Steigende Energiekosten infolge des Krieges im Nahen Osten, der Handelskonflikt mit den USA und weitere Risiken belasteten die Unternehmen gleichzeitig. Damit treffen mehrere Unsicherheiten auf eine Wirtschaft, die ohnehin nur geringe Wachstumsimpulse aufweist.
Das Rekord-Niedrigwasser an deutschen Flüssen bewertet der DIW-Präsident derzeit noch als wirtschaftlich beherrschbar. Eine länger andauernde Entwicklung könnte die Lage allerdings deutlich verändern. Sollte das Niedrigwasser weitere vier bis sechs Wochen anhalten, könnte daraus nach Einschätzung Fratzschers ein signifikantes Risiko für die deutsche Wirtschaft werden.
Damit treffen derzeit zwei Entwicklungen aufeinander, die sich gegenseitig verstärken können. Die Hitze erhöht die Belastung für Beschäftigte und Unternehmen, während niedrige Wasserstände die Möglichkeiten des Gütertransports auf den Flüssen einschränken. Für die deutsche Wirtschaft, deren Industrie auf funktionierende Lieferketten und zuverlässige Verkehrswege angewiesen ist, wird aus einer Wetterlage damit zunehmend eine Frage der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit.
Die Forderungen aus der Verkehrspolitik und die Warnungen des DIW weisen dabei in dieselbe Richtung: Extreme Wetterlagen sind nicht mehr nur kurzfristige Störungen, die sich mit einzelnen Notmaßnahmen auffangen lassen. Entscheidend wird vielmehr sein, wie Verkehrswege, Transportmittel und Unternehmen auf länger anhaltende Hitze- und Dürreperioden vorbereitet werden. Während Al-Wazir deshalb einen langfristigen Plan für die Binnenschifffahrt verlangt, warnt Fratzscher davor, die wirtschaftlichen Folgen einer anhaltenden Niedrigwasserlage zu unterschätzen. +++ red.














