Hünfelds Bürgermeister Benjamin Tschesnok hatte eines Tages die Absicht, im Becken der Leichtathletik-Talente in der Rhönkampfbahn zu graben. Prompt wurde er fündig. Ohne sich wirklich anzustrengen. Er fischte jemanden heraus, der es in sich hat. Er hatte Glück. Seine Wahl fiel auf Amelie Witzel. Die ist 16 Jahre jung, macht im Mehrkampf, aber vor allem im Hochsprung von sich reden. Die Schülerin der Lichtbergschule in Eiterfeld, die im kommenden Jahr auf das Wigbert-Gymnasium in Hünfeld wechselt, hat ein ehrgeiziges Ziel im Blick: Sie möchte ihre Körpergröße überspringen. Sie misst beachtliche 1,84 Meter. Und das ist alles andere als ein leichtes Unterfangen.
Erst am vorletzten Wochenende ging sie bei den Hessenmeisterschaften der U18 und U20 in der Leichtathletik in der Johannisau in Fulda an den Start. Auch da zeigte Amelie Witzel ihre Klasse: Im Hochsprung, ihrer Paradedisziplin, - wurde sie Zweite und steigerte ihre Bestleistung um zwei Zentimeter von 1,66 Meter auf 1,68 Meter. Sie hatte es mit zwei Konkurrentinnen auf Augenhöhe zu tun im tagesform-abhängigen Dreikampf. Rainer Hahn, Kopffigur und Perpetuum mobile der Hünfelder Leichtathletik, hatte erwartet und vorausgesagt, dass sich das Trio nichts schenken würde und die Medaillen und Podiumsplätze unter sich ausmachen würde. Zwei Zentimeter fehlen Amelie noch bis zur DM-Norm von 1,70 Metern.
Seit sieben Jahren verschreibt sich Amelie Witzel, die aus Betzenrod kommt, der Leichtathletik. Und die Frage, ob sie jemals so gut gewesen sei wie heute, die beantwortet sie klar. „Ja, das stimmt schon. Ich trainiere jetzt mehr“, sagt die 16-Jährige, die auch dafür durchgeht, als sei sie schon einige Jahre älter. In der Rhönkampfbahn und damit im Verein - wo sich in erster Linie Hans-Otto Göbel um sie kümmert - Göbel macht die technischen Sachen, Hahn die läuferischen -, ist Amelie dreimal in der Woche unterwegs. Einmal in der Woche ist sie bei Günter Eisinger, dem hessischen Landestrainer, im Einsatz - und einmal pro Woche auch beim Gardetanzen in Eiterfeld. Hinzu kommen die Wettkämpfe am Wochenende.
Mehrkampf betreibt sie gerne, im Training sind auch mal die Hürden an der Reihe - ihre favorisierte Disziplin aber ist der Hochsprung. Darauf liegt ihr Fokus. „Definitiv“, sagt Amelie. So, als sei es ein Glaubensbekenntnis. Ziel sei es, einmal ihre Körpergröße zu überspringen. Und die lautet ja immerhin 1,84 Meter. „Das sind ja nur noch 16 Zentimeter“, kommt Rainer Hahn mit seiner wie gewohnt ein Stück weit fordernden, aber auch realistischen und anspornenden Art um die Ecke. Und falls ihn jemand nicht kennen sollte, für den schiebt er noch nach. „Amelie trainiert nicht speziell für den Mehrkampf, das macht sie aus Spaß. Aber es reicht noch für Platz drei in Hessen.“ Diese Leistung erbrachte Amelie erst vor gut vier Wochen im Auestadion in Kassel. Rainer Hahn kommentiert Folgendes durchaus mit süffisanter Note. „Der Landestrainer Speer in Hessen weint ihr drei bis fünf Tränen nach. Er hätte sie auch gerne gehabt.“ Doch auch Amelie weiß: irgendwann stößt man an zeitliche Grenzen. „Ich hätte es auf jeden Fall gemacht. Wenn der Tag mehr als 24 Stunden hätte“, erklärt sie - und schon weiß man, dass man es mit Spitzen-Talenten zu tun hat.
Wie sie ihre Berührung hin zur Leichtathletik verknüpfte - und wie sie zur Sportart kam, auch das verrät sie. Im Rahmen der. Kreismeisterschaften der Kinder-Leichtathletik, die einst in der Kreissporthalle 1 der Jahnhallen in Hünfeld stattfanden, sprach Amelie Witzel Rainer Hahn an: „Kann in bei dir trainieren?“ Tipp und Ratschlag hatte sie von Lilli Roth bekommen, die auch im Oval der Rhönkampfbahn groß wurde.
Den ersten Hoffnungsschimmer und Ansporn, dass da etwas reifen könnte, erlebte Amelie als 12-Jährige beim Grand Prix in Flieden - als sie erstmals 1,40 Meter übersprang. „Da habe ich gewusst, dass Hochsprung meine Disziplin ist“, betont sie. Und Stolz mischt sich in ihre Worte. Schließlich holte sie sich die Hessische Vizemeisterschaft - als 13-Jährige, bei den Titelkämpfen der U14. Nur Anna Schreiber aus Neuhof war besser - mit 1,57 Meter.
Bis Amelie Witzel 1,49 Meter schaffte, das dauerte etwas. Sie musste kämpfen. „Lange war‘s dieselbe Höhe. Es war etwas frustrierend“, gräbt sie in ihrer Seele. Doch der Schauplatz Flieden, der lag ihr irgendwie. Als sie erstmals 1,52 Meter übersprang, war das auch dort. Und der Knoten war geplatzt. Wann sie denn gespürt hätte oder es ihr bewusst geworden sei, in den Leistungssport hineinzukommen und in darin einzutauchen? „Das hat sich einfach so ergeben. Die Trainingseinheiten haben sich summiert.“ Zu Hause in Betzenrod, da hält sie sich mit Krafttraining fit. Die Folge: Amelie Witzel wurde immer stabiler und besser. „Als ich erstmals 1,61 Meter übersprungen habe, ging es eigentlich nur noch bergauf.“ Das war am 1. Februar 2025 bei den Süddeutschen Meisterschaften in der Halle in Karlsruhe. Und ihre Ziele? Auch die artikuliert sie klar: „Ich möchte auf jeden Fall die 7 stehen haben.“ 1,70 Meter also. Das ist auch die Norm für die Deutschen Meisterschaften. „Ich hoffe bald.“ Manchmal genügen wenige Worte, um Entscheidendes zu umreißen.
Sportler wären nicht Sportler, wenn sie nicht mit negativen Erlebnissen umzugehen hätten oder sie verkraften müssten. Auch davon gab es zumindest eines in Amelies junger Laufbahn. Und das schlug durchaus in ihre Kerbe. In Gelnhausen stand im vergangenen Jahr ein Qualifikations-Wettkampf für die Deutschen Meisterschaften an - die Norm lag bei 1,65 Meter. Amelie Witzel schaffte die auch. Allerdings einen Tag nach Ablauf der Meldefrist. Das Ärgerliche: Der Deutsche Leichtatletik-Verband erkannte Amelies Leistung nicht mehr an. Doppelt bitter, dass sie kurz zuvor bei den Süddeutschen Meisterschaften in Kandel ihre aufstrebende Form bestätigt hatte. 1,64 Meter hatte sie da übersprungen.
Das ist aus zweierlei Sicht zu betrachten. Einerseits: Meldefrist verstrichen, Pech gehabt - andererseits: typisch Funktionäre. Einer Sportlerin, noch dazu einer jungen, die Teilnahme bei Titelkämpfen zu verwehren, ihr die Chance zu nehmen, zumindest Erfahrungswerte zu sammeln; von einer ansprechenden Platzierung ganz zu schweigen. Das wirft auch die Frage auf: Worum geht es im Sport eigentlich? Auch darum, einem jungen Sportler die Motivation zu rauben? Amelie blieb nichts anderes übrig, als die Entscheidung „von oben“ hinzunehmen. „Ich habe ein paar Tränen vergossen“, sagt sie heute, „es sollte halt nicht sein“. Doch sie lernte daraus, die „Jetzt-erst-recht-Einstellung“ setzte sich durch. Und die spülte sie peu à peu nach oben.
Was Amelie Witzel denn jetzt in den Augen des Trainers oder Mit-Trainers ausmache? Rainer Hahn macht das, was er immer tut. Er zögert nicht: „Amelie bringt im Prinzip alle körperlichen Voraussetzungen mit, um richtig gut zu sein. Man muss sich nur ihre Hebel anschauen.“ Und er lacht. Sie könnte noch besser sein, betont er, ab und zu müsse man sie ein bisschen in den Hintern treten. Laufen könne sie noch besser, als sie dies aktuell tue. Das wolle sie nicht oder nur schwer einsehen, zapft der Leichtathletik-Trainer die Psyche der jungen Athletin an. „Sie ist auch eine geborene Mehrkämpferin. Amelie Witzel hat ein Paket, das stimmig ist.“ Natürlich seinen darin auch Stärken und Schwächen enthalten, doch „so ein Paket wünscht sich jeder Trainer“.
Die Person und Persönlichkeit - auch Rainer Hahn nimmt sie unter die Lupe. „Angenehm. Nett. Einfach eine angenehme Person. Schlicht und ergreifend.“ Das klingt, als schwärme der Trainer für seine Athleten. Auch das geht durch. Warum sie denn Leichtathletik betreibt? Amelie galt als sehr Umtriebige und kam nie zur Ruhe. Ihre Eltern hätten ihr geraten, sie müsse etwas machen, das sie voranbringe und an dem sie Spaß habe. Und das tat sie. Bei den Bundes-Jugendspielen war sie stets eine der Besten - eine loderndes Feuer, das sich zur Flamme entzündete. „Ich hab mal ein Schnuppertraining beim Hünfelder SV gemacht. Und schon war ich hier.“ So leicht geht das. Und heute geht der zarte Stern in der Rhönkampfbahn auf.
Die Höhepunkte, die sie nennt, liegen noch nicht lange zurück. Im Februar 2025 waren es die genannten Süddeutschen Meisterschaften in der Halle in Karlsruhe. Oder als sie erstmals die 1,65 Meter übersprang in Gelnhausen - und mithin die Norm schaffte. Oder als sie, ebenfalls im vergangenen Jahr, mit dem Hünfelder SV Vierter der Deutschen Team-Meisterschaften in Lage wurde; Amelie trug dazu mit übersprungenen 1,65 Meter bei. Als sei es ein Stück von ihr, kommt das Datum wie aus der Start-Pistole geschossen. Es war der 14. September.
Unterdessen hat sich Benjamin Tschesnok erneut vorgenommen, in der Rhönkampfbahn nach Talenten zu graben. Er spürt sein Herz für den Sport. Das Gute: Hünfelds Bürgermeister wird stets fündig. +++ rl











