Europa darf nicht länger auf Washington warten

Europa

Die angekündigte Anhebung amerikanischer Zölle auf europäische Autos und Lastwagen markiert keinen isolierten Vorgang mehr, sondern einen weiteren Schritt in einer Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet. Die Vereinigten Staaten entfernen sich unter Donald Trump zunehmend von der Vorstellung, wirtschaftliche Partnerschaften als gegenseitige Verpflichtung zu begreifen. An ihre Stelle tritt eine Politik nationaler Vorteilssicherung, in der selbst enge Verbündete vor allem nach ihrem unmittelbaren Nutzen für amerikanische Interessen beurteilt werden. Europa täte gut daran, diese Realität endlich nüchtern zur Kenntnis zu nehmen.

Denn der eigentliche Befund liegt weniger in der Zollentscheidung selbst als in der europäischen Reaktion darauf. Noch immer richtet sich der wirtschaftliche und politische Reflex der Europäischen Union auffallend stark nach Washington. Dabei hat sich die internationale Ordnung längst verändert. Die Dynamik der Weltwirtschaft entsteht nicht mehr ausschließlich in den Vereinigten Staaten. Wachstumsmärkte entwickeln sich in Asien, in Indien und zunehmend auch in Afrika, wo Bevölkerungswachstum, Industrialisierung und Infrastrukturbedarf neue wirtschaftliche Räume schaffen. Europa verfügt dort über technologisches Know-how, industrielle Stärke und Erfahrung im Aufbau langfristiger Wirtschaftsbeziehungen. Dennoch wirkt die Union häufig so, als warte sie weiterhin darauf, dass sich die transatlantischen Beziehungen wieder in jene Verlässlichkeit zurückbewegen, die über Jahrzehnte selbstverständlich schien.

Gerade darin liegt inzwischen ein strategischer Fehler. Wer wirtschaftliche Abhängigkeiten nicht reduziert, macht sich politisch verwundbar. Die amerikanische Zollpolitik zeigt, wie schnell Partnerschaft unter den Vorbehalt nationaler Interessen gestellt werden kann. Europa reagiert darauf häufig defensiv, gelegentlich empört, selten jedoch mit einer langfristigen eigenen Strategie. Dabei müsste die Konsequenz nicht Abschottung sein, sondern größere Eigenständigkeit. Es geht nicht darum, die Vereinigten Staaten als Partner aufzugeben, sondern darum, sich von der Vorstellung zu lösen, Europa könne seinen wirtschaftlichen und geopolitischen Handlungsspielraum dauerhaft an amerikanische Stabilität koppeln.

Hinzu kommt ein Missverständnis, das in Washington offenkundig zunehmend gepflegt wird: die Annahme, Europa sei wirtschaftlich stärker auf Amerika angewiesen als umgekehrt. Tatsächlich haben die Vereinigten Staaten über Jahrzehnte erheblich von der transatlantischen Partnerschaft profitiert. Europa war nicht nur Absatzmarkt, sondern politischer Stabilitätsanker, technologischer Partner und wirtschaftliches Gegengewicht in einer oft fragilen Weltordnung. Die Stärke des Westens beruhte stets auf gegenseitiger Verflechtung, nicht auf einseitiger Dominanz. Wer dies ignoriert, unterschätzt den Wert Europas für die Vereinigten Staaten ebenso wie die Risiken einer fortgesetzten Entfremdung.

Gerade deshalb sollte die Europäische Union die aktuelle Entwicklung nicht allein als Provokation betrachten, sondern als Anlass zur Neuorientierung. Die Welt wird multipolarer, wirtschaftliche Machtzentren verschieben sich, politische Gewissheiten verlieren an Halt. Europa wird darin nur bestehen, wenn es lernt, seine eigenen Interessen entschlossener zu formulieren und neue Partnerschaften mit derselben Ernsthaftigkeit zu verfolgen, mit der es jahrzehntelang auf die transatlantische Bindung vertraut hat. Wer ausschließlich nach Washington blickt, läuft Gefahr, die Veränderungen der Welt zu spät zu erkennen. +++ me

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