Die unterschätzte Gefahr aus der Toilettenspülung

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Der Ekel folgt oft den falschen Bildern. Während viele Menschen öffentliche Toiletten möglichst berührungslos benutzen und die Klobrille meiden, sieht der Forstwissenschaftler und Bestseller-Autor Peter Wohlleben die eigentliche hygienische Gefahr an ganz anderer Stelle: in der Luft.

Was auf Toiletten problematisch sei, seien nicht in erster Linie Oberflächen, sondern Aerosole, sagte Wohlleben der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Beim Spülvorgang stiegen Luftbläschen auf, in deren feinen Partikeln Bakterien über Stunden aktiv blieben. „Wer mittags eine öffentliche Toilette betritt, atmet alles ein, was seit dem frühen Morgen in die Luft gestiegen ist“, sagte er. Die verbreitete Angst vor der Klobrille hält Wohlleben dagegen für überzogen. Die Zahl der Bakterien pro Quadratzentimeter sei dort vergleichsweise gering. „Auf den Hanteln und Griffen im Fitnesscenter ist die Belastung 400mal höher.“

Die Beobachtung verweist auf ein bekanntes Muster moderner Hygienekultur: Sichtbares wird überschätzt, Unsichtbares verdrängt. Gerade öffentliche Sanitäranlagen folgen vielfach eher psychologischen als mikrobiologischen Regeln. Der reflexhafte Griff zum Desinfektionsmittel oder das hektische Auslegen von Papier auf Toilettensitzen vermittelt Kontrolle, obwohl die eigentlichen Risiken womöglich an anderer Stelle entstehen.

Für Wohlleben beginnt das Problem bereits beim Spülen. Entscheidend sei das Schließen des Klodeckels vor dem Spülgang. Dadurch lasse sich die Belastung um das 14-Fache reduzieren. Seine Kritik richtet sich deshalb auch gegen die Ausstattung vieler öffentlicher Toiletten. „Warum haben Toiletten auf Autobahnraststätten gar keine Deckel? Das ist der hygienische Super-Gau“, sagte er. Vergleichsweise günstig beurteilt er dagegen die Toiletten in ICE-Zügen. Dort werde die Luft abgesaugt, ohne dass zusätzliche Verwirbelungen entstünden.

Dass Wohlleben mit seinen Hinweisen Aufmerksamkeit findet, liegt auch daran, dass die Pandemie den Blick auf Aerosole dauerhaft verändert hat. Lange galt Hygiene vor allem als Frage der Reinigung von Oberflächen. Inzwischen ist deutlicher geworden, welche Rolle Luftströme, Lüftungssysteme und mikroskopisch kleine Partikel spielen. Die Debatte über öffentliche Toiletten fügt sich in diese Verschiebung ein. Sie betrifft nicht nur individuelle Vorsicht, sondern auch bauliche Standards und technische Ausstattung.

Wohlleben weitet seine Kritik deshalb über die Sanitäranlagen hinaus auf den Alltag in privaten Küchen aus. Besonders skeptisch beurteilt er den klassischen Spülschwamm. Auf dessen feuchten Oberflächen könnten sich bis zu einer Milliarde Bakterien ansiedeln. Selbst Seife helfe nur begrenzt; manche Bakterien ernährten sich sogar von Bestandteilen des Spülmittels. Eine Bürste sei hygienisch deutlich sinnvoller, weil sie schneller trockne und sich heiß in der Spülmaschine reinigen lasse.

Auch Seifenspender mit Pumpmechanismus betrachtet Wohlleben kritisch. Beim Betätigen werde Luft eingesogen — und mit ihr Bakterien. Auf diese Weise drücke man sich bei jedem Händewaschen zugleich eine neue Portion Keime auf die Hände.

Die Hinweise mögen für manche übertrieben wirken, zumal Wohlleben seit Jahren davon lebt, naturwissenschaftliche Themen populär aufzubereiten und zugespitzt zu formulieren. Gleichwohl berühren sie einen wunden Punkt: Hygiene ist häufig weniger das Ergebnis gesicherter Erkenntnis als eine Mischung aus Gewohnheit, Symbolik und Halbwissen. Gerade deshalb entfalten einfache Routinen wie das Schließen eines Toilettendeckels oder der Austausch eines Spülschwamms ihre eigentliche Wirkung nicht nur im Privaten, sondern auch in der Frage, wie Öffentlichkeit organisiert wird — und wie sorglos man mit Dingen umgeht, die sich dem bloßen Auge entziehen. +++ red.

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