Die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz sehnt sich nach drei Punkten

Miro Jagatic bemüht das Gute. Das ist seine Aufgabe, und auch seine Auffassung als Fußball-Trainer. So machen seine Worte, als sich die Pressekonferenz gerade aufgelöst hatte, Mut. „Wir denken positiv. Ich sehe da gar nicht so schwarz“, sagte der Coach der SG Barockstadt, der erst seit wenigen Tagen im Amt ist. „Wir sollten die letzten 35 Minuten des Spiels mitnehmen“, lautete seine wichtige Aussage nach seiner Heimpremiere und der 0:2-Heimniederlage gegen den VfR Aalen. Dass die SGB nach nunmehr elf Spielen auf den letzten Platz der Regionalliga Südwest abgerutscht ist, ist nicht so wichtig. Elementar sind die Punkt-Abstände zu den vor ihr platzierten Teams: zwei auf den Vorletzten Ulm (der jetzt sein erstes Saisonspiel gewann), drei auf den Drittletzten Kaiserslautern II, vier jeweils auf den nächsten Heimgegner Mainz II, Astoria Walldorf und Eintracht Frankfurts Zweite. So viel zu den groben Fakten der Einordnung; doch kommen sie mit auf die Reise eines Spiels, das es lohnt, seine Geschichte von Beginn an zu erzählen.

Der Versuch der SGB, defensiv gut zu stehen gegen den starken Aufsteiger, und die Räume zu verengen, eine kompakte Grundordnung herzustellen und zu leben – der schien plausibel. Doch es wäre vermessen oder töricht zu sagen, dass dies aufging. Denn Aalen schälte sich als Team heraus, das fußballerisch eine Stunde lang eine Klasse besser und voraus war. Das Spiel des Gastes zu beschreiben, es hört sich fast wie eine kleine Liebeserklärung an. Sauber, akurat, einfach, aber genau war das Passspiel, Aalens Spieler ließen klatschen, bespielten die Räume und boten sich immer wieder an, stets überlagerten sie oder stellten eine Überzahl her, in fast allen Situationen waren sie einen Schritt schneller als ihre Gegenspieler. So viele Stärken begleiteten allerdings auch zwei negative Aspekte. Zum einen trennten sich die Spieler hier und da zu spät vom Ball und nahmen sich dadurch die Möglichkeit der Tiefe – zum anderen hätte Aalen bei dieser Dominanz deutlicher als 1:0 führen müssen zur Pause.

Denn dieser Pausenstand war das Beste aus Sicht des Gastgebers. Der reagierte viel zu sehr oder war dazu gezwungen, gewonnene Zweikämpfe waren kaum zu sehen – und wenn, gingen die Bälle zu schnell verloren. Hans Sarpei schlüpfte in die Rolle eines zentralen Innenverteidigers, Leon Pomnitz spielte nach Aussage des Trainers nicht zu defensiv – es schien aber so. Jagatic lobte Aalens „super-Ballzirkulation. Das war brutal“. Unübersehbar, dass die SGB-Spieler unter diesem Gegnerdruck manchen Fehler produzierten – unübersehbar auch, dass sie die Spieler des Gastes in einigen Situationen zu leicht in ihre Box kommen ließen.

Zum Beispiel Döringer schon in Minute sieben, kurz darauf ging Meiens Kopfball nach Kahrimans Ecke knapp drüber. Aalens Führung schien nur eine Frage der Zeit – und wenig später fiel sie. Das heißt, die SGB legte sie auch auf. Jannik Horz‘ Spieleröffnung missriet, Victor Meien fing den Ball am Mittelkreis in zentraler Position ab, passte vertikal, ein Mitspieler verlängerte trickreich und legte dem starken Melo in den Raum – und der schloss mit links ins lange Eck zum 1:0 ab. Der Gast hätte erhöhen müssen: So rettete Habermehl im letzten Moment (17.) – und zeigte Horz einen ganz starken Reflex (24.) – nach einem ebenso schnellen wie sehenswerten Angriffszug Aalens.

Nach 35 Minuten zwei Aktionen, die des Schilderns wert sind. Die SGB erzeugte erstmals offensive Gefahr: Schmitts beherztes Dribbling führte zu einem Freistoß in aussichtsreicher zentraler Position – aber nicht Pomnitz trat den, wie in den letzten Jahren üblich, sondern Wähling; sein Schuss blieb indessen in der Mauer hängen. Und im Gegenzug – von Restverteidigung hatte die SGB wohl noch nichts gehört -, ging Melos Abschluss knapp an langen Eck vorbei. Später rauschte auch Wählings Versuch aus der Distanz knapp drüber (44.).

Die SGB musste sich schütteln und zu sich finden. Und sie tat es. Im zweiten Abschnitt wurde sie offensiver und mutiger, Sarpei besetzte jetzt Räume im Mittelfeld. Aalen aber behielt zunächst den Hut auf. In Minute 55 fiel das 2:0: Der Gast gewann einen defensiven Zweikampf, Döringer spielte straff nach vorne, sein Mitspieler nahm die Kugel an und mit, legte Melo in den Raum, der legte quer zum Torschützen. Mag sein, dass die Hand im Spiel war bei der An- und Mitnahme – Pech für die SGB. Doch sie sollte sich nicht daran hochziehen – schließlich stand sie schlecht und ließ sich überlaufen. Auch nach einem zügigen Konter vermochte Aalen noch nicht den Deckel draufzumachen (59.).

Doch nun kam die SGB. Und das Aufbäumen trug auch den Namen Elekwa. Der Gastgeber trat von nun an couragiert auf und gewann Zweikämpfe. Kevin Hillmanns Flachschuss läutete die starke Phase ein – in Minute 63 war dies der erste Schuss aufs Tor. Auffallend, dass Aalen in Halbzeit eins bei Ballbesitz mit den beiden Innenverteidigern eröffnete, während die Außenverteidiger sehr hoch standen; im zweiten Abschnitt schnappte das Abwehrverhalten in eine Vierer-Abwehrkette, als Schaupp noch ins Spiel kam, war es gar eine Fünfer-Reihe.

Erstmals deutete Elekwa seine Substanz an, als er im Eins-gegen-eins in die Box vorstieß, sich aber verhedderte (65.). Es schien, als spielte die SGB ein bisschen wie ausgewechselt. Pech, dass Reinhards Zuspiel auf Elekwa nicht ganz ankam. Bis sich Elekwa auf der linken Seite durchsetzte, in die Box strebte und aus spitzem Winkel abzog – und verzog (67.). Später spielte Elekwa auf Lokaj – doch auch der hatte kein Glück im Abschluss. Ebenso der Versuch des eingewechselten Keanu Kraft, dessen Schuss der Gast zur Ecke abwehrte (78.). Sekunden später bekam die SGB keinen Elfer, als „Hille“ am zweiten Pfosten zum Ball ging. Doch auch der SGB-Verteidiger zapfte seine offensiven Qualitäten an – und trieb permanent nach vorn an.

Nachdem Aalen eine nicht schlechte Konter-Situation verpasst hatte (84.), blies die SGB noch zweimal zur Attacke. Elekwa setzte sich nach starkem Behauptungsvermögen im Dribbling bis in die Box durch – fand aber nicht zum Abschluss (89.). Ehe Lokajs Versuch aus verheißungsvoller und zentraler Position nach Dittmanns Querpass zu schwach geriet (90.+1).

Aalens Trainer Beniamino Molinari sprach seiner Mannschaft für die sehr gute erste Halbzeit ein „großes Kompliment“ aus und etikettierte die vorübergehende Tabellenführung mit den Worten „es macht total viel Spaß mit dem Team“. Die dickste Wertschätzung sahen Dritte: Seine Mannschaft versucht, alles fußballerisch zu lösen. „Das ist unser Ansatz“, sagte er nur. Unterdessen blickt auch Miro Jagatic positiv nach vorn – trotz der beklemmenden Lage, das Schlusslicht zu sein. „Die Jungs wollen und sind willig. Wie gesagt, die letzten 35 Minuten nehmen wir mit.“

Vielleicht wäre es auch angebracht, eine andere Ausrichtung zu wählen. Und das betrifft nicht nur den Trainer. Pressing und Gegenpressing heißt das Zauberwort. Nach gewonnenen Bällen ist der Weg zum Tor in diesem Fall oft nicht so weit. Abgesehen davon wäre es schön, wenn die SGB mal den Ton angeben, den Gegner vor Aufgaben stellen und unter Druck setzen könnte. Es wäre die Zeit des Erwachens.

SG Barockstadt: Horz – Schmitt (62. Elekwa), Habermehl, Frey, Hillmann – Sarpei – Ivankovic (62. Lokaj), Pomnitz, Wähling (62. Kraft) – Dittmann, Reinhard

VfR Aalen: Otto – Döringer (62. Barth), Geyer, Odabas, Grözinger (84. Schaupp) – Maksimovic (70. Selitaj), Kahriman, Meien (62. Kleinschrodt), Gaudino, Melo – Antlitz (62. Onos)

Schiedsrichter: Veron Besiri

Zuschauer: 1.040

Tore: 0:1 Dean Melo (14.), 0:2 Gianluca Gaudino (55.)

Gelb-Rot: Moritz Reinhard (SGB, 90.+3) +++ rl

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