Hoch oben auf dem Esparküppel thront sie über dem Ort, sichtbar für alle, geliebt von vielen – und seit Jahren Auslöser eines handfesten Streits: die Grillenburg. Was früher ein beliebtes Ausflugslokal mit Restaurant und Hotel war, ist heute ein Bürgerhaus. Doch genau das reicht vielen Lehnerzern nicht. In dem Fuldaer Stadtteil schwelt ein Konflikt, der längst mehr ist als eine Debatte über ein Gebäude. Es geht um Identität, Mitsprache, Vertrauen – und um Machtverhältnisse im Fuldaer Rathaus.
Lehnerz, rund 1.700 Einwohner stark, liegt im Nordosten der Stadt Fulda, am Fuße des Rauschenbergs. Erstmals erwähnt wurde der Ort 1541, 1972 folgte die Eingemeindung nach Fulda. Bis heute ist der Stadtteil geprägt von starkem Zusammenhalt, regem Vereinsleben – und einem wachsamen Blick auf das, was mit öffentlichen Geldern passiert. Gerade deshalb ist die Grillenburg für viele mehr als ein Gebäude: Sie ist Symbol für Heimat und Selbstbestimmung.
Die Geschichte der Grillenburg reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Um 1887 entstand auf der Anhöhe ein Ausflugslokal, später ein Restaurant mit Hotelbetrieb. Jahrzehntelang war die Grillenburg Treffpunkt für Familien, Vereine und Ausflügler. In den 1970er-Jahren wurde der Turm erneuert, 1978 das Gebäude offiziell als Bürgerhaus eingeweiht. Seit 2020 ist die Gastronomie Geschichte. Danach folgten Leerstand, Zwischennutzungen, zeitweise auch die Unterbringung von Geflüchteten – und der offene Streit um die Zukunft.
Im Zentrum der Debatte stehen Stadt Fulda, Ortsbeirat Lehnerz und die Bürgerinitiative „Freunde der Grillenburg“. Die Stadt will sanieren und die Grillenburg als klassisches Bürgerhaus mit Vereinsräumen nutzen. Eine dauerhafte kommerzielle Gastronomie hält der Magistrat für wirtschaftlich nicht tragfähig. Anders sehen das viele Lehnerzer. Sie wollen Gastronomie, Leben, Begegnung – und vor allem Mitsprache.
Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld versucht zu vermitteln, heißt es von der Bürgerinitiative. Positiv: Der OB hat mehrfach betont, dass er sich eine bessere Zusammenarbeit zwischen Stadt und Ortsbeirat wünscht. Er signalisiert Gesprächsbereitschaft und macht deutlich, dass er nach der nächsten Ortsbeiratswahl vom neuen Gremium ein klares Anforderungsprofil zur Grillenburg erwartet. Ziel des Oberbürgermeisters ist eine gemeinsame Lösung – getragen von Stadt und Ortsbeirat.
Doch genau hier beginnt das Problem. Denn trotz guter Worte sind dem OB Grenzen gesetzt. Negativ aus Sicht vieler Lehnerzer: Der Oberbürgermeister ist dem Stadtbaurat nicht weisungsbefugt. Entscheidungen über Planung, Umbau und Nutzung liegen maßgeblich beim Stadtbaurat – und der steht politisch unter dem Einfluss der Stadtverordnetenversammlung. In Lehnerz wird offen davon gesprochen, dass dies auch ein CDU-Problem sei, da Mehrheiten und parteipolitische Interessen eine Rolle spielten.
Das Misstrauen sitzt tief. Nicht nur Lehnerzer Bürger haben das Vertrauen in den Stadtbaurat verloren, heißt es immer wieder. Hinzu kommt: Der Stadtbaurat wird nicht vom Volk gewählt, sondern politisch bestimmt. Für viele im Stadtteil ist das ein Kern des Konflikts. Man fühlt sich übergangen, nicht gehört – und sieht Entscheidungen über das eigene Wahrzeichen von Personen getroffen, die sich keiner direkten Wahl stellen mussten.
In Lehnerz achtet man traditionell sehr genau auf Steuergelder. Jeder Euro, der in die Grillenburg fließt, wird kritisch betrachtet. Nicht aus Geiz – sondern aus Prinzip. Der spitze Kommentar, der im Ort immer wieder zu hören ist: Man spare hier penibel, damit das Geld am Ende in Fulda „verschleudert“ werde. Diese Wahrnehmung verstärkt den Frust über Planungen, die aus Sicht vieler an den Bedürfnissen des Stadtteils vorbeigehen.
Besonders emotional wurde es, als zeitweise ein Teil-Abriss, vor allem des Küchenanbaus, diskutiert wurde. Die Bürgerinitiative sah darin das Aus für jede gastronomische Zukunft. Zwar stellte die Stadt später klar, dass ein Abriss nicht geplant sei und der historische Turm erhalten bleiben solle – doch das Vertrauen war da bereits beschädigt.
Heute ist die Grillenburg denkmalgeschützt, Bürgerhaus – und ein politischer Zankapfel. Für die einen ein nüchternes Sanierungsprojekt, für die anderen ein Stück Identität. Der Oberbürgermeister wirbt für Dialog und gemeinsame Lösungen. Ortsbeirat und Bürgerinitiative fordern in einer Mitteilung echte Beteiligung und Respekt vor dem Willen des Stadtteils. Dazwischen steht ein Stadtbaurat, dem viele misstrauen – und eine Stadtpolitik, die als fern empfunden wird.
Fest steht: Die Grillenburg ist mehr als Beton und Turm. Sie ist zum Symbol geworden für den Kampf um Mitsprache, Vertrauen und den Umgang mit öffentlichem Geld. Und solange diese Fragen nicht geklärt sind, wird der Streit in Lehnerz weitergehen – laut, emotional und mit wachem Blick auf jedes Detail. +++ adm










