Wirtschaft1

ZEW-Konjunkturerwartungen - Deutschlands neue Zuversicht

Die nüchternen Zahlen aus Wiesbaden erzählen eine Geschichte, die weit über Statistik hinausgeht. Im November 2025 ist der reale, also preisbereinigte, Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 1,8 Prozent gestiegen. Im Vergleich zum November 2024 beträgt das Plus kalenderbereinigt sogar 5,9 Prozent. Das Statistische Bundesamt spricht von vorläufigen Ergebnissen – doch die Richtung ist klar: Die industrielle Nachfrage zieht an. Nach Monaten der Unsicherheit, der Zurückhaltung und des Abwartens melden sich die Auftragsbücher zurück und senden ein Signal, das in der deutschen Industrie lange vermisst wurde.

Besonders aufschlussreich ist dabei der Blick auf die einzelnen Branchen. Denn die Entwicklung des Auftragsbestands im November 2025 ist wesentlich auf den Anstieg im Sonstigen Fahrzeugbau zurückzuführen. Dazu zählen Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge. Hier legte der Auftragsbestand gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 3,1 Prozent zu. In diesem Bereich wurde im November ein hohes Volumen an neuen Großaufträgen verzeichnet, das den Gesamtwert maßgeblich nach oben zog. Es sind jene Projekte mit langem Atem und hoher Wertschöpfung, die den Industriezahlen derzeit ihr Gewicht verleihen.

Doch auch die klassische Autoindustrie meldet sich zurück. Der Auftragsbestand stieg hier um 3,0 Prozent. Gemeinsam mit dem Maschinenbau, der ein Plus von 1,1 Prozent verbuchte, wirkte sich diese Entwicklung deutlich positiv auf das Gesamtergebnis aus. Gerade für die Automobilbranche, die in den vergangenen Jahren von Transformation, Absatzflauten und geopolitischen Unsicherheiten geprägt war, ist dieser Zuwachs ein wichtiges Signal. Er deutet darauf hin, dass sich zumindest ein Teil der Nachfrage wieder verlässlicher planen lässt – ein Hoffnungsschimmer in einer Branche, die lange im Dauerkrisenmodus steckte.

Getragen wird diese Entwicklung vor allem vom Inland. Die offenen Aufträge aus Deutschland stiegen im November 2025 gegenüber Oktober 2025 um 3,6 Prozent. Der Bestand an Aufträgen aus dem Ausland erhöhte sich hingegen moderater um 0,9 Prozent. Differenziert nach Gütergruppen zeigt sich ein gemischtes Bild: Bei den Herstellern von Investitionsgütern nahm der Auftragsbestand gegenüber dem Vormonat um 2,3 Prozent zu, bei den Herstellern von Konsumgütern sogar um 4,0 Prozent. Im Bereich der Vorleistungsgüter hingegen ging der Auftragsbestand um 0,7 Prozent zurück. Wachstum ist also da, aber es verteilt sich ungleich – und zeigt, wo derzeit Zuversicht herrscht und wo Vorsicht bleibt.

Auch die sogenannte Reichweite des Auftragsbestands liefert wichtige Hinweise auf die Auslastung der Betriebe. Im November 2025 stieg sie im Vergleich zum Vormonat auf 8,0 Monate, nach 7,9 Monaten im Oktober. Besonders hoch ist die Reichweite bei den Herstellern von Investitionsgütern, wo sie auf 11,0 Monate kletterte, nachdem sie im Oktober noch bei 10,8 Monaten gelegen hatte. Bei den Herstellern von Vorleistungsgütern blieb sie konstant bei 4,3 Monaten, während sie bei den Herstellern von Konsumgütern auf 3,8 Monate stieg, nach 3,6 Monaten im Vormonat.

Die Reichweite beschreibt, wie viele Monate die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz theoretisch ohne neue Auftragseingänge produzieren müssten, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten. Sie wird als Quotient aus dem aktuellen Auftragsbestand und dem mittleren Umsatz der vergangenen zwölf Monate im jeweiligen Wirtschaftszweig berechnet. Steigende Werte deuten auf gut gefüllte Auftragsbücher hin – und genau hier lohnt sich der genaue Blick auf die Autoindustrie. Denn ihr Auftragsplus ist nicht nur eine Zahl, sondern ein mögliches Indiz dafür, dass sich ein zentraler Pfeiler der deutschen Industrie langsam stabilisiert. Noch ist daraus kein Aufschwung garantiert, doch die Richtung stimmt. Und manchmal beginnt wirtschaftliche Zuversicht genau dort: in Zahlen, die plötzlich wieder nach vorne zeigen. +++ adm

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