Es sind Zahlen, die sich nüchtern lesen lassen und doch eine leise Unruhe hinterlassen. Fast acht Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland nutzen inzwischen KI-Anwendungen, um Einsamkeit zu bekämpfen. Bei jenen, die ohnehin mit depressiven Symptomen kämpfen, ist es mehr als jeder Dritte. Was als technischer Fortschritt gefeiert wird, rückt damit in eine Rolle, die früher Menschen vorbehalten war: Zuhörer, Tröster, Gegenüber.
Die am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeichnet das Bild einer Generation, für die der Chatbot längst mehr ist als ein digitales Werkzeug. Mehr als jeder vierte Minderjährige greift mehrmals pro Woche auf KI-Anwendungen zurück. Ab 15 Jahren wird daraus für über die Hälfte eine mindestens wöchentliche Routine. Die Schwelle zur Selbstverständlichkeit ist überschritten.
Auffällig ist dabei weniger die Häufigkeit als die Intimität der Nutzung. Bis zu zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen wenden sich an Chatbots, um sich von negativen Gefühlen abzulenken, Einsamkeit zu lindern oder über Vertrauliches zu sprechen. Bei jungen Menschen mit depressiver Symptomatik verschiebt sich die Dimension: Rund ein Drittel von ihnen vertraut dem Chatbot Dinge an, die sonst niemand erfährt – oder nur ein sehr enger Kreis. Ebenso viele sind überzeugt, dass die Maschine sie besser versteht als ein Mensch.
Es ist ein Befund, der weniger über Technik als über Beziehungen erzählt. Denn Vertrauen entsteht nicht im Code, sondern im Erleben. Und doch geben mehr als zwei Drittel der Befragten an, den Aussagen eines Chatbots zumindest gelegentlich zu vertrauen. Über 40 Prozent tun dies sogar oft oder sehr oft. Der digitale Gesprächspartner wird damit zur Instanz – ohne Gesicht, ohne Verantwortung im klassischen Sinn.
Dabei bleibt der ursprüngliche Nutzen nicht außen vor. Hausaufgabenhilfe und Informationsbeschaffung gehören weiterhin zu den wichtigsten Gründen für die Nutzung. Doch mehr als die Hälfte der Kinder greift aus Neugier oder schlicht zum Zeitvertreib auf KI zurück. Die Grenze zwischen Spiel und Bedeutung verschwimmt.
Parallel dazu verharren die bekannten Probleme des Medienkonsums auf hohem Niveau. Hochgerechnet 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland nutzen soziale Medien problematisch. 21,5 Prozent der 10- bis 17-Jährigen zeigen ein riskantes Nutzungsverhalten – kaum mehr als im Vorjahr, aber auch nicht weniger. Die Konstanz wirkt dabei fast beunruhigender als ein Anstieg.
Zugenommen hat hingegen die Zahl derjenigen, die als abhängig gelten. 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen erfüllen 2025 die Kriterien einer pathologischen Nutzung. Das entspricht rund 350.000 jungen Menschen – ein Anstieg um 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Entwicklung verläuft leise, aber stetig.
Auch beim Konsum von Online-Videos zeigt sich eine Dynamik. Seit 2022 erfasst die Studie diesen Bereich gesondert – und stellt nun einen deutlichen Anstieg fest. Jeder Fünfte nutzt Streamingdienste, Reels und ähnliche Formate riskant, ein Plus von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vier Prozent erfüllen bereits hier die Kriterien einer Abhängigkeit.
Die Forscher haben auch den Blick auf die Eltern gerichtet – und stoßen auf ein vertrautes Muster. Rund 61,5 Prozent sprechen mit ihren Kindern über deren Mediennutzung, ähnlich viele geben vor, welche Inhalte erlaubt sind. Deutlich strenger sind Eltern jüngerer Kinder: Bei den 10- bis 13-Jährigen setzen etwa 90 Prozent klare Regeln.
Es ist ein Versuch, Ordnung in eine digitale Welt zu bringen, die sich schneller verändert, als Regeln greifen können. Während Erwachsene noch erklären, was richtig und falsch ist, haben viele Kinder längst begonnen, ihre Antworten anderswo zu suchen – manchmal bei jemandem, der immer verfügbar ist, nie widerspricht und erstaunlich gut zuhören kann. +++











