Nach dem Militärschlag und der Ergreifung von Präsident Nicolás Maduro hat die US-Führung ihre Vorstellungen für die Zukunft Venezuelas weiter konkretisiert. Außenminister Marco Rubio erklärte am Sonntag in US-Medien, dass die Trump-Administration an einem „demokratischen Übergang“ in dem südamerikanischen Krisenstaat arbeite. Dabei, so Rubio, werde die „gesamte nationale Sicherheitsstruktur“ der Vereinigten Staaten in die Entscheidungsfindung einbezogen. Gleichzeitig dämpfte er Erwartungen an einen schnellen politischen Neuanfang: Eine rasche Neuwahl nach dem Ende der Präsidentschaft Maduros sei unrealistisch, da das chavistische System seit 15 oder 16 Jahren fest im Land verankert sei.
Für zusätzliche Brisanz sorgten Rubios Aussagen zur militärischen Rolle der USA. Der Außenminister schloss nicht aus, dass US-Truppen in Venezuela stationiert werden könnten, um Druck auf das Land auszuüben. US-Präsident Donald Trump wolle öffentlich nicht ausschließen, Venezuela zu besetzen oder Soldaten zu entsenden, um Einfluss auf die künftige Entwicklung des Landes zu behalten. Zugleich wies Rubio Vorwürfe zurück, die Festnahme Maduros diene dem Ziel, US-Ölunternehmen den Zugang zu den riesigen Ölreserven Venezuelas zu erleichtern. Er räumte jedoch ein, dass die venezolanische Ölindustrie zerstört sei und dringend Investitionen privater Unternehmen „brauche“.
Auch zur neuen Machtkonstellation in Caracas äußerte sich der US-Außenminister. Interimspräsidentin Delcy Rodríguez werde von den USA danach beurteilt, wie sie sich in ihrer neuen Rolle verhalte. Währenddessen stellte sich das venezolanische Militär hinter die Übergangsregierung: Verteidigungsminister Vladimir Padrino López erklärte am Sonntag, die Streitkräfte hätten Rodríguez als vorübergehende Staatschefin anerkannt. Gleichzeitig forderte er die sofortige Rückkehr von Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Cilia Flores und bezeichnete die Festnahme des Präsidenten als Aggression gegen die Souveränität Venezuelas. +++ adm
Kommentar: Venezuela, Ukraine – und die unbequeme Frage nach dem Unterschied
Der Vergleich zwischen dem Handeln der USA in Venezuela und dem Vorgehen Russlands in der Ukraine drängt sich auf, gerade wenn es um Staaten geht, die über erhebliche Bodenschätze verfügen und geopolitisch bedeutsam sind. Dennoch lohnt ein differenzierter, diplomatischer Blick auf die Frage, was beide Ansätze voneinander unterscheidet.
Russland begründet sein Vorgehen in der Ukraine mit sicherheitspolitischen Interessen, historischen Bezügen und dem Anspruch auf eine eigene Einflusszone. Dieses Handeln erfolgt offen militärisch, mit dem Einsatz regulärer Streitkräfte und mit dem Ziel, politische Realitäten dauerhaft zu verändern. Die Verletzung territorialer Integrität steht dabei im Zentrum der internationalen Kritik.
Die Vereinigten Staaten verfolgen im Umgang mit Venezuela einen anderen Ansatz. Washington betont politische Prozesse, internationale Abstimmung und den Anspruch, demokratische Strukturen zu fördern. Druckmittel sind vor allem diplomatischer, wirtschaftlicher und politischer Natur. Militärische Optionen werden zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dienen jedoch in erster Linie als Abschreckung und nicht als erklärtes Mittel zur dauerhaften Kontrolle des Landes.
Ein weiterer Unterschied liegt im Umgang mit staatlicher Souveränität. Während Russland durch sein Vorgehen in der Ukraine bestehende Grenzen infrage stellt, betonen die USA formal die Eigenständigkeit Venezuelas und knüpfen ihre Einflussnahme an politische Bedingungen und Verhaltensänderungen der Führung. Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass strategische Interessen – darunter auch der Zugang zu Rohstoffen und die Stabilität von Energiemärkten – in den Überlegungen eine Rolle spielen.
Diplomatisch betrachtet liegt der zentrale Unterschied somit weniger in der Existenz nationaler Interessen, sondern in deren Durchsetzung. Russland setzt auf unmittelbare militärische Machtprojektion, die USA auf langfristige Einflussnahme über internationale Institutionen, wirtschaftliche Instrumente und politische Prozesse. Beide Wege sind Ausdruck geopolitischer Realität, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Form, ihrer Legitimation und ihren internationalen Konsequenzen.
Für Länder wie Venezuela oder die Ukraine bedeutet dies, dass ihre Zukunft nicht nur von inneren Entwicklungen abhängt, sondern auch vom Spannungsfeld globaler Interessen. Die Herausforderung für die internationale Gemeinschaft besteht darin, Wege zu finden, nationale Souveränität, wirtschaftliche Interessen und geopolitische Stabilität miteinander in Einklang zu bringen – ohne dass einzelne Staaten zum Spielball größerer Mächte werden. +++ red











Ein Kommentar
Super Kommentar. Wenn die USA strategisch über Einflusszonen, Ressourcen und militärische Optionen nachdenken, wird das als Realpolitik verkauft. Würde ein anderer Staat so handeln, wäre der Aufschrei groß. Diese Doppelmoral ist kaum noch zu übersehen.
Besonders irritierend ist, wie bereitwillig europäische Politiker wegschauen. Wer sich sonst gern als moralische Instanz inszeniert, verliert bei geopolitischen Interessen plötzlich seine Stimme. Auch das Vorgehen der Trump-Administration in Venezuela war ein massiver Eingriff in die Souveränität eines Landes – doch eine ernsthafte Aufarbeitung blieb aus. Vieles davon wird bis heute fortgeführt, nur diskreter.
Europa, und auch Politiker wie Friedrich Merz, täten gut daran, sich diese Entwicklung genau anzusehen. Wer außenpolitisch nur dann Haltung zeigt, wenn es bequem ist, verspielt Glaubwürdigkeit. Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt die Debatte?