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Warum sich der Nachrichtenbetrieb oft selbst kopiert

Es ist ein Eindruck, der sich nicht mehr abschütteln lässt, sobald man ihn einmal gewonnen hat: Jedes Jahr dieselben Serien, dieselben Berichte, dieselben Abläufe. Kaum wechselt die Jahreszeit, wechseln auch die Protagonisten der Nachrichten – allerdings nur scheinbar. Mal ist es das Deutsche Rote Kreuz, dann die Polizei, dann Feuerwehr oder THW. Die Bilder ähneln sich, die O-Töne klingen vertraut, die Dramaturgie bleibt gleich. Wer regelmäßig und aufmerksam Medien konsumiert, erkennt schnell: Das ist kein Zufall, das ist ein Muster.

Besonders deutlich wird dieses Muster mit Blick auf Osthessen. Dort sind es fast immer die gleichen Motive und Akteure, die in wechselnder Reihenfolge auftreten. Das DRK rückt in den Fokus, dann folgt eine begleitete Schicht mit der Polizei. Ein anderes Mal ist es der Mitflug im Rettungshubschrauber, die Kamera dicht am Piloten, nah am Einsatzgeschehen. Wieder ein anderes Mal führt der Weg ins Klinikum, gern verbunden mit einem Besuch auf der Frühchenstation. Die Themen wechseln, die Erzählweise bleibt. Es ist eine regionale Variante desselben Prinzips.

Dieses Phänomen hat einen Namen, auch wenn er selten offen ausgesprochen wird: Jahreszeiten-Journalismus. Im Winter dominieren Kälte, Obdachlosigkeit und Hilfsorganisationen. Im Sommer sind es Hitze, Badeunfälle, Waldbrände und Polizeibilanzen. Die Themen kehren so verlässlich zurück wie der Kalender selbst. Sie werden nicht neu gedacht, sondern neu verpackt. Oft reicht ein Blick auf die Schlagzeile, um zu wissen, was folgt.

Hinzu kommt die Institutionen-Rotation. Heute das DRK, morgen die Polizei, übermorgen die Feuerwehr oder der Rettungsdienst. Der Wechsel suggeriert Abwechslung, tatsächlich bleibt das Grundgerüst identisch. Gleiche Erzählmuster, gleiche moralische Setzungen, gleiche emotionalen Höhepunkte. Auch der Klinikbesuch folgt dieser Logik: Einblicke hinter die Kulissen, Nahaufnahmen, Betroffenheit – ein bewährtes Format, das regelmäßig wiederkehrt.

Die Beiträge selbst wirken dabei austauschbar. Bilder, die man schon gesehen hat. Aussagen, die man schon gehört hat. Texte, die sich mit minimalen Anpassungen auch aus dem Archiv holen ließen. Das gilt für den Rettungshubschrauber ebenso wie für die Frühchenstation, für die Polizeibegleitung ebenso wie für den Einsatzbericht des DRK. Das ist kein böser Wille einzelner Redakteure, sondern das Ergebnis eines Systems, das unter massivem Zeit- und Kostendruck steht.

Redaktionen greifen auf das zurück, was funktioniert hat, weil Experimente Geld kosten und Unsicherheit bedeuten. Dabei geht es längst nicht mehr primär um Relevanz, sondern um Reichweite. Um Klicks, Einschaltquoten, Verweildauer. Die Leitfrage lautet nicht mehr: Was ist wirklich wichtig?, sondern: Was hat letztes Jahr funktioniert? In einer Medienlandschaft, die von Geschwindigkeit und Konkurrenz geprägt ist, wird Wiederholung zur Strategie.

Dass dieses Vorgehen vielen auffällt, wird oft unterschätzt. Gerade Menschen, die Nachrichten über Jahre hinweg verfolgen, vergleichen unweigerlich. Sie erkennen die Wiederholungen, die Routinen, die ritualisierte Nähe zu immer denselben Institutionen. Doch der Nachrichtenbetrieb kalkuliert mit einem anderen Publikum: mit fragmentiertem Konsum, kurzer Aufmerksamkeit, einzelnen Beiträgen statt langfristiger Einordnung. Für diese Zielgruppe funktioniert das Modell weiterhin erstaunlich gut.

Was bleibt, ist ein Gefühl der Durchschaubarkeit. Nicht, weil hier ein geheimes Spiel betrieben würde, sondern weil das Gerüst moderner Nachrichtenproduktion offen zutage liegt. Es ist keine raffinierte Manipulation, sondern oft schlichte Bequemlichkeit, gepaart mit ökonomischem Zwang.

Wer einmal beginnt, darauf zu achten, kann es kaum noch übersehen. Die immergleichen Serien, die vertrauten Gesichter, die vorhersehbaren Erzählungen – auch und gerade auf regionaler Ebene wie in Osthessen. Es ist kein verborgenes Muster. Es ist der Alltag des Nachrichtenbetriebs. Und genau deshalb wirkt er auf viele inzwischen weniger wie Information und mehr wie ein jährlich wiederkehrendes Ritual, das sich selbst reproduziert. +++ redaktion ohr

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