TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell – Ein Abend, der nicht im Happy End mündet

Ttc m1

Spieler, Mannschaft und Fans.

Es ist gut, wenn man nach einem Erfolgserlebnis greifen kann. In Platz zwei beim Final Four badeten die Tischtennis-Spieler des TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell. Das liegt erst eine Woche zurück, die Wanne war bis zum Rand gefüllt, und ihr Wasser glitzerte. Weniger gut ist es oft, auf den harten Boden des Bundesliga-Alltags zurückzukehren – und die 1:3-Heimniederlage gegen Bad Homburg schmeckte bitter. Oder anders ausgedrückt: Wie jemand, der sich von seinem Urlaub verabschieden, sich von seinem Lieblings-Eiland entfernen muss, krampfhaft daran festhalten will und alles tut, um doch noch zu bleiben – an der Rückkehr in die Heimat, mit Hindernissen verbunden, kommt indessen niemand umhin. Dennoch: Kommen Sie mit auf die fast dreistündige Reise an diesem Abend, der Momente des Spitzensports bereithält.

Die Atmosphäre in der Hubtex Arena kann besser nicht sein. Bedarf es eines Beweises, tauchen Sie doch in den Fanclub ein. Der gibt wie immer sein Bestes. Frank Wirthmann, der 1. Vorsitzende, und Torben Wehner schwenken die Vereinsfahne. Kann Identifikation mit dem TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell denn eigentlich größer sein? Man spürt, riecht, schmeckt und saugt den Sport schon auf, ehe es überhaupt losgeht – und man weiß: Hier bin ich richtig. Wenig später dies: Michael Hodes ist allenthalben für seine launige und temperamentvolle Anmoderation bekannt, die Beziehung zwischen ihm und seinem Mikro ist eine besondere. Doch dieses Mal gibt er alles. Er weiß, was sich als Erstes gehört: Er bedankt sich bei allen, die die Reise zum Final Four nach Ulm mit angetreten haben. „Aber im Leben sieht man sich immer zweimal“, sagt er dann – und richtet den Blick auf die Hausaufgabe gegen Bad Homburg. „Das war letzten Sonntag kein Spaziergang. Und das wird es auch heute nicht“, ergänzt er. „Platz vier ist theoretisch noch möglich“, kitzelt er an der Motivation. „Wir tun das, was wir immer getan haben: Wir kämpfen weiter.“ Mit der zweckentfremdeten und überall als populär angesehenen Version von „Sweet Caroline“ – die auch im Fußball oder sonstwo im Sport die Runde macht -, soll die Stimmung angeheizt werden.

Im Eröffnungseinzel zieht Ruwen Filus glatt in Dreien den Kürzeren gegen den Ungarn Csaba Andreas – mit 8:11, 10:12 und 11:13. Die Sätze sind allesamt eng – und es nicht so, dass Filus dieses Match nicht hätte gewinnen können. Der frühe Eindruck, dass er aggressiver und offensiver auftritt als gewöhnlich, dass er näher an der Platte ist, ist hier und da erkennbar. Aber er bestätigt sich nicht. Er verfestigt sich nicht. Und, als würde sich ein Symbol des Abends ankündigen, muss man festhalten: Er gibt das Spiel aus der Hand. Er gibt den Ersten aus der Hand. Filus liegt zunächst vorn – lässt seinen Gegner aber fünf Punkte in Folge machen. 7:9, 8:9 – und weg ist der Erste.

Auch anfangs des Zweiten ist Filus noch drin. Doch man hat das Gefühl, dass er etwas ändern muss – und phasenweise tut er das auch. Nur: Es fehlt die Konstanz. Dennoch: Mit 6:5 geht er in Führung. Noch einmal beim 8:7. Noch einmal beim 9:8. Beim 10:8 hat er sogar zwei Satzbälle. Dann aber: Wollen wir die Augen schließen? Andras gleicht zum 10:10 aus. Mehr noch: Der Ungar macht vier Punkte ensuite und schnappt sich auch den Zweiten. Unterdessen spürt der Fanclub, dass Filus Unterstützung braucht. Und die bekommt er. Filus gibt einen 5:2-Vorsprung her, doch mit dem 6:6 entscheidet er einen spannenden und hochklassigen Ballwechsel für sich – mit einem starken Konter. Eine kurze, explosive Rückhand folgt. 8:6. Wenig später aber 8:8. Wieder besticht Filus mit einer knallharten Rückhand. Aus dem Handgelenk. Wieder hat er beim 10:8 zwei Satzbälle. Aber wieder 10:10. Ausgerechnet dann ist Filus zu passiv. Andras hat beim 11:10 Matchball. Filus gleicht aus. Der Ungar holt sich den zweiten. Und der sitzt. 13:11. Ruwen Filus weiß, dass das nicht sein wahres Ich war.

Wieder einmal liegt es an Dima Ovtcharov, für sein Team zu punkten. Und er weiß, worauf es ankommt. Denn dann ist er da. Fast immer. So auch dieses Mal gegen Jo Yokotani. Den Rückenwind, den er beim Doha Champions verspürte, als er den Brasilianer Hugo Calderano schlug, scheint er tatsächlich zu spüren. Auch Lasse Wehner, jüngster Anhänger des Fanclubs, zapft seine hinzugewonnene Ahnung an. „Dima gewinnt 3:0“, sagt er. Fast. Dima liegt auch vorn im Ersten – dann aber 6:6, 7:7 und 8:8. Ehe er das zeigt, was er meistens zeigt: Wenn‘s um die Entscheidung geht, legt er einen Zahn zu. Und punktet. Beim 10:8 hat er zwei Satzbälle. Mit 11:8 holt er sich den Ersten.

Auch im Zweiten streichelt er die Seele des Fuldaer Publikums. Das heißt, er macht es spannend. Ständig liegt er vorn in diesem Durchgang. 7:4, 8:6, 8:7, 9:7 – beim 10:8 hat er gar drei Satzbälle. Dima lässt Yokotani rein. 10:10 heißt es plötzlich. Eine Spur Glück dann für Dima, als die Rückhand des Japaners an der Netzkante hängenbleibt. Und Yokotanis folgende Vorhand landet im Netz. 12:10 und 2:0 für Dima. Ehe der Japaner im Dritten doch sticht. Dima liegt mit 6:3, und das Publikum flippt fast aus. Doch Yokotani macht das, was alle Japaner machen: er kämpft. Dima führt auch 8:6 – doch mit einer harten Rückhand gleicht sein Gegner aus. Und er holt sich gar zwei Satzbälle beim 10:8. Der Lohn: Der Dritte ist ihm. Bis im Vierten die Fan-Gesänge beider Lager aufeinanderprallen. Bad Homburgs Anhänger sind zäh. Dima indessen lässt sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen. Vom 5:4 an setzt er sich ab. 7:5, 8:5, 9:5. Zwei Pünktchen noch. Beim 10:5 hat er fünf Satzbälle. 11:6 heißt es am Ende. Dima gewinnt mit 3:1 Sätzen – und gleicht zum 1:1 für Fulda aus.

Ehe zwei Einzel folgen, die in Fulda niemand wirklich braucht. Zunächst zieht Fanbo Meng gegen den Spanier Juan Perez in Vieren den Kürzeren. Der Fuldaer wird mit Spiel und Leistung nicht zufrieden sein. Im Ersten überlässt er Perez, der jede Möglichkeit zum Angriff nutzt, das Feld. Die Körpersprache steht Fanbo Meng im Weg. Doch im Zweiten kommt er. Fanbo Meng kämpft. Und er schlägt zurück. Jetzt übernimmt er die Initiative. Beim frühen 3:2 geht der Fuldaer erstmals in seinem Match in Führung; das ist immer wichtig. Und es gelingt ihm, von oben herunterzuspielen. 6:4, 7:4, 8:4. Und seine berühmt-berüchtigte Faust kommt. Plötzlich ist auch die aufrechte Haltung da. Die Körpersprache. Beim 10:6 hat Fanbo Meng vier Satzbälle. Mit 11:7 schnappt er sich den Zweiten.

Bis er in altbekannte Muster zurückfällt. Er kämpft auch im Dritten, macht aber zu viele Fehler. Zu leichte Fehler. Perez hat fünf Satzbälle. 11:7 ist der Endstand. Und der Spanier lässt auch im Vierten nicht locker. Für kurze Zeit scheint es, als würde Fanbo Meng zu sich finden. Doch er lässt auch seinen Kopf hängen. Sein Vater, der Trainer, will ihn aufbauen. Das scheint zu klappen, als er verkürzt. Ehe die Big Points kommen. Die Spannung ist förmlich greifbar in der Hubtex Arena. Dramatik lukt hervor. Und Perez macht die wichtigen Punkte. Wieder gelingt es Fanbo nicht, initiativ zu werden. Perez holt sich zwei Matchbälle beim 10:8. Fanbo aber packt sein Herz aus. Der Fuldaer stellt auf 10:10 – und das Publikum freut sich, als warte es auf die Bescherung. 11:10 für Perez, vierter Matchball. Fanbo egalisiert. 12:11 für Perez, fünfter Matchball – und der sitzt. 13:11 für den Spanier. Und 2:1 für Bad Homburg.

Dass die Spieler des TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell alles geben, ist klar. Und es kommt stets rüber. Und dass Ruwen Filus im sogenannten Spitzeneinzel Jo Yokotani in Fünfen unterlag, mag an Pech oder fehlendem Glück, an mangelnder Energie, Kraft oder Konzentration oder auch der verdammt angespannten Personalsituation gelegen haben. Den ersten „Hitchcok-Satz“ zog Filus auf seine Seite. Von Beginn an agiert er beherzt und nimmt das Heft des Handelns in die Hand. Yokotani scheint überrascht. Doch es heißt 6:6, vom 8:8 geht der Japaner in Front. Zum 9:8 zuerst, und beim 10:9 holt er sich Satzball. Doch so leicht lässt sich Filus nicht vom Tisch jagen. Er gleicht aus, 10:10. Auch den zweiten Satzball wehrt er ab. Wieder gleicht er also aus. Bis sich Ruwen Filus mit einer mutigen Vorhand seinen ersten Satzball fischt. Und den Gewinn des Ersten veredelt. 13:11. So, und jetzt müssen wir das 2:0 machen. Das wäre der Hammer“, sagt mein Sitznachbar noch. Es tritt auch ein. Doch damit ist das Spiel noch nicht gewonnen. Filus zieht mit sage und schreibe 8:2 weg, Yokotani ist sichtlich beeindruckt. 10:3 – sieben Satzbälle stehen Filus gut. Den beim 10:5 nutzt er.

Doch Yokotani kommt. Ein Riesen-Ballwechsel wechselt sich mit der Erkenntnis, dass Ruwen Filus zwar „die Wand“ ist, weil er fast alles zurückbringt – doch das ist es ja nicht allein, was den Fuldaer aus Florstadt ausmacht. Yokotani setzt sich bis auf 8:3 ab. 10:4 – und sechs Satzbälle folgen. 11:4 steht am Ausgang. „Der Satz muss jetzt her. Wenn es in den Fünften geht, wird es schwierig“, sagt mein Nachbar. Recht hat er. Das Gefühl trügt ihn nicht. Filus aber 3:0. Und sein Trainer ballt die Faust, Auch 4:1 und 5:1. Unterbrechung. Yokotani hat verkürzt. Time-Out, 5:5. Doch solche Geschichten hält nur der Sport bereit: Der Japaner macht sage und schreibe acht Punkte in Folge. Er geht mit 9:5 in Führung. Filus schleicht sich heran, 8:9. Er egalisiert sogar. Die Zuschauer rutschen aufgeregt hin und her. Yokotani holt sich auch die beiden nächsten Punkte – 11:9 und 2:2 nach Sätzen.

Der Fünfte entscheidet. Mal wieder. Geben Mentalität, Glück oder Siegeswille den Ausschlag? Oder was? Yokotani spielt situativ weicher. Mit unterschnittenen Bällen. Damit kommt Filus phasenweise nicht so toll zurecht. 6:3 und 7:5 heißt es aus Sicht des Japaners. „Jetzt brauchen wir ein kleines Wunder“, hat der Nachbar wieder Recht. Von 8:5 zieht Yokotani bis auf 10:5 weg. Die Entscheidung? Ja. 11:5. Um 19.55 ist Schluss. Nach fast drei Stunden. Ruwen Filus kann nicht immer gewinnen in Fünfen. Jo Yokotani hat den Siegpunkt zum 3:1 für Bad Homburg geholt.

Später sagt Stefan Frauenholz, 1. Vorsitzender des TTC, gar, man werde „jetzt gegen den Abstieg“ spielen. Und so mancher aus dem Fanclub mutmaßt, dass man so viele Heimsiege nicht mehr sehen werde in dieser Saison. Die sollte man jetzt aufrechten Hauptes beenden. Dumm gelaufen ist es bisher. Sicher schlagen die Verletzungen von Jonathan Groth und von Kao bitter und empfindlich zu Buche. Andererseits gibt es im Profi- und Spitzensport keine Ausreden. Kao wäre alleine deshalb wichtig gewesen, dem Team, dessen Geist und Zusammenhalt zweifellos intakt ist, frische Energie zuzuführen – zudem hätte sein Siegeswille und „Kannibalen-Blick“ und der Siegeswille gutgetan. Ach ja, das Final Four ist Geschichte. Und die Bundesliga-Reise des TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell geht mit drei Auswärtsspielen im Januar weiter: beim Rekord- und Abonnementsmeister in Düsseldorf sowie den „Vier-Punkte-Spielen“ Mühlhausen und Bad Königshofen. Ach ja, der Urlauber ist auch zu Hause.

Die Spiele im Einzelnen

TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell – TTC OE Clarity Tel. Systems Bad Homburg 1:3

Ruwen Filus – Csaba Andras 0:3 (8:11, 10:12, 11:13)

Dima Ovtcharov – Jo Yokotani 3:1 (11:8, 12:10, 8:11, 11:6)

Fanbo Meng – Juan Perez 1:3 (4:11, 11:7, 7:11, 11:13)

Ruwen Filus – Jo Yokotani 2:3 (13:11, 11:5, 4:11, 9:11, 5:11) +++ rl

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