Es irritiert viele Leser: Nachrichtenseiten veröffentlichen scheinbar Tag für Tag denselben Artikel neu. Die Überschrift klingt vertraut, der Inhalt ebenso, lediglich das Datum signalisiert Aktualität. Was auf den ersten Blick wie Nachlässigkeit oder gar Schlamperei wirkt, folgt jedoch einer klaren Logik. Es ist eine Strategie, geprägt von Algorithmen, ökonomischem Druck und veränderten Lesegewohnheiten in der digitalen Medienwelt.
Ein zentraler Grund liegt in den Mechanismen der digitalen Verbreitung. Plattformen wie Google News, Facebook, X oder Instagram bevorzugen aktuelle Inhalte. Was neu erscheint, gilt als relevant und wird häufiger ausgespielt. Ein Artikel von gestern verschwindet schnell aus Feeds und Trefferlisten, selbst dann, wenn sein Inhalt weiterhin Bedeutung besitzt. Durch eine erneute Veröffentlichung wird derselbe Text algorithmisch als „frisch“ bewertet und erhält damit eine neue Chance auf Sichtbarkeit. Hinzu kommt der Wunsch nach maximaler Reichweite. Viele Leser sehen einen Artikel beim ersten Erscheinen schlicht nicht. Wer ihn zu einer anderen Tageszeit oder an einem anderen Tag erneut veröffentlicht, erreicht neue Nutzer, andere Zielgruppen und Menschen mit abweichenden Nutzungsgewohnheiten. Für Medienhäuser bedeutet das mehr Klicks, mehr Pageviews, höhere Werbeeinnahmen und potenziell auch mehr Abonnements.
Oft ist das Neuposten nur mit minimalen Änderungen verbunden. Ein aktualisiertes Datum, eine kleine Ergänzung, eine neue Überschrift oder ein anderes Bild reichen aus, damit der Artikel technisch als neu gilt. Der Kern bleibt derselbe, doch im System beginnt seine Lebensdauer von vorn. Für Redaktionen ist das effizient – und im harten digitalen Wettbewerb vielfach notwendig. Besonders häufig betrifft diese Praxis sogenannte Evergreen-Themen. Dazu zählen etwa Wetter, Verkehr, Krieg, Pandemie oder Inflation, aber auch erklärende Stücke wie „Was bedeutet X?“ oder „Das musst du wissen zu …“. Diese Themen verändern sich nur langsam, werden aber kontinuierlich nachgefragt. Ein täglich erneuerter Artikel bedient dieses Bedürfnis nach Orientierung, ohne dass ständig komplett neue Texte produziert werden müssen.
Auch aus Sicht der Suchmaschinenoptimierung spielt das Aktualisieren eine entscheidende Rolle. Google bevorzugt häufig überarbeitete Inhalte gegenüber älteren Versionen. Ein regelmäßig erneuerter Artikel kann höher ranken, Konkurrenz verdrängen und dauerhaft sichtbar bleiben. Für Nachrichtenseiten ist das ein bedeutender Vorteil im Kampf um Aufmerksamkeit. Nicht zu unterschätzen ist zudem der psychologische Effekt. „Neu“ wirkt wichtiger als „alt“, selbst wenn der Inhalt identisch ist. Leser klicken eher auf einen Beitrag mit dem Hinweis „heute neu“ als auf einen, der vor drei Tagen erschienen ist. Das Datum fungiert als stilles Signal für Relevanz und Dringlichkeit. Schließlich spielt auch der redaktionelle Alltag eine Rolle. Viele Redaktionen arbeiten unter erheblichem Zeit- und Personalmangel. Wiederverwertung spart Aufwand, hält den Newsflow aufrecht und ermöglicht es, mit begrenzten Ressourcen präsent zu bleiben. In einer Medienwelt, die pausenlose Aktualität verlangt, ist das für viele Häuser eine Überlebensstrategie.
Für mich als Leser jedoch ist diese Praxis mehr oder weniger ein Betrug. Nicht im juristischen Sinne, wohl aber im moralischen. Sie suggeriert Aktualität, wo oft lediglich Wiederholung geboten wird. Dieses Vorgehen ist kein Phänomen der großen Medienhäuser allein. Auch in der Region Osthessen bedienen sich viele Medien dieser Methode. Eine Ausnahme bildet nach meiner Wahrnehmung fdi – dort wird offenbar anders gearbeitet. Ob das dumm ist oder ob es gegenüber dem Leser ehrlich ist, das dürfen die Leser dieser Medien selbst bewerten. Kurz gesagt: Nachrichtenseiten posten Artikel täglich neu, um sichtbar zu bleiben, Klicks zu maximieren und Algorithmen auszunutzen – nicht zwingend, um neue Informationen zu liefern. Wer das weiß, liest Nachrichten mit einem geschärften Blick. Und erkennt schneller, ob ein Artikel wirklich neu ist oder lediglich in frischem Gewand erneut erscheint. +++ redaktion ohr










3 Kommentare
Ja, es nervt. Ein Blick heute Morgen auf die Hessenschau-Seite fühlt sich an wie eine unfreiwillige Zeitreise. Gleiche Schlagzeilen, gleiche Aufmacher – offenbar wurde nur das Datum ausgetauscht. Ohne Polizeimeldungen: nichts Neues. Und dafür zahlen wir auch noch. Mein Geld würde ich lieber Angeboten wie OHR geben.
Im Radio das gleiche Spiel: Seit Tagen derselbe Kram in Endlosschleife. Wenn ihr nichts Neues habt, dann hört doch einfach auf zu senden. Es geht keine Welt unter, wenn mal keine „Eilmeldung“ recycelt wird. Lehnt euch zurück, baut Überstunden ab und verschont uns eine Weile mit diesem Daueralarm.
Was wichtig ist, besser, von den Clickmedien für wichtig gehalten wird, bestimmen heute leider weitgehend deren Geschäftsinteressen.
Wie angesprochen, FuldaInfo ist hier eine Ausnahme, – und man muss sich schon fragen, wie dieses Medium bei dem inzwischen Übermaß an informationsfeindlichen bzw. rein geschäftsorientierten Medien überleben kann!?
Interessant aber ist, wie sich angesichts dieser Tatsache die heimische Politik orientiert bzw auf welcher Seite sie steht. Ein trauriges Bild auf jeden Fall, wenn dieserseits und in diesem Zusammenhang von „Qualitätsjournalismus“ gesprochen wird. Damit graben sich so manche Entscheidungsträger nicht nur ihr eigenes
Wasser ab. – Vor allem nimmt unsere liberale Demokratie dabei großen Schaden!
Der permanente Nachrichtenkreislauf ist längst mehr als bloße Bequemlichkeit im Journalismus. Täglich begegnen uns dieselben Artikel, dieselben Formulierungen, dieselben Perspektiven. Was als Information verkauft wird, ist oft nur Wiederholung – ohne Mehrwert, ohne Einordnung, ohne echte Recherche.
Noch problematischer ist jedoch die Entwicklung, die sich besonders in Osthessen beobachten lässt: Die zunehmende Dominanz wirtschaftlicher Interessen über die Medien. Wenn Berichterstattung sich an Anzeigenkunden, Standortpolitik oder wirtschaftlicher Opportunität orientiert, verliert sie ihren journalistischen Kern. Kritik wird abgeschwächt, Konflikte werden ausgeblendet, Machtverhältnisse bleiben unangetastet.
Medien, die sich dieser Logik unterwerfen, verfehlen ihren Auftrag. Sie werden vom Beobachter zum Mitspieler und tragen aktiv zur Verengung der öffentlichen Debatte bei. Gerade im regionalen Journalismus ist diese Nähe zur Wirtschaft kein Randproblem, sondern eine ernsthafte Gefahr für Glaubwürdigkeit und demokratische Öffentlichkeit.