Mehr junge Menschen fern der eigenen Familie

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Es sind Zahlen, die nüchtern daherkommen und doch eine stille Wucht entfalten. Im Jahr 2024 sind bundesweit rund 134.000 junge Menschen in Heimen und knapp 87.500 in Pflegefamilien betreut worden. Zusammengenommen wuchsen damit etwa 221.500 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zumindest zeitweise außerhalb ihrer eigenen Familie auf. Das sind drei Prozent mehr als im Jahr zuvor, ein Anstieg um rund 7.000 Fälle. Nach fünf Jahren rückläufiger Entwicklung ist es bereits das zweite Jahr in Folge, in dem die Zahlen wieder steigen, berichtet fuldainfo.de mit Blick auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Statistiken kennen keine Gesichter, aber sie erzählen von Bewegungen in der Gesellschaft. Ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung hängt mit jungen Menschen zusammen, die ohne Begleitung nach Deutschland eingereist sind. Nach ihrer Inobhutnahme durch die Jugendämter werden sie häufig in Heimen oder betreuten Wohnformen untergebracht, seltener in Pflegefamilien. Gut zwei Drittel des Anstiegs im Jahr 2024 lassen sich darauf zurückführen – konkret 69 Prozent oder rund 4.800 Fälle. Insgesamt lebten etwa 25.300 dieser jungen Menschen nach ihrer Ankunft in entsprechenden Einrichtungen oder Familien. Die große Mehrheit von ihnen, 94 Prozent, fand sich in Heimen, Wohngruppen oder anderen betreuten Wohnformen wieder; nur sechs Prozent wurden in Pflegefamilien aufgenommen.

Wer sind diese jungen Menschen? Die Zahlen zeichnen ein grobes Bild: 57 Prozent sind männlich, 43 Prozent weiblich. Drei Viertel sind minderjährig. Auffällig ist, wie sich die Betreuungsform mit dem Alter verschiebt. Jüngere Kinder, bis etwa zehn Jahre, wachsen häufiger in Pflegefamilien auf. Mit zunehmendem Alter dominiert die Unterbringung in Heimen. Und dann ist da noch eine Gruppe, die leicht übersehen wird: junge Volljährige, die sogenannten Careleaver. Sie machen knapp ein Viertel der Betroffenen aus – Menschen, die sich im Übergang aus der öffentlichen Erziehungshilfe in ein eigenständiges Leben befinden.

Auch ein Blick auf die Herkunftsfamilien offenbart Strukturen, die mehr sind als bloße Kategorien. In fast jedem zweiten Fall waren die Eltern alleinerziehend. Zusammenlebende Elternpaare machten 18 Prozent aus, weitere 16 Prozent lebten in neuen Partnerschaften. In 17 Prozent der Fälle bleibt die Familiensituation unklar – häufig dort, wo junge Menschen ohne Begleitung eingereist sind. Zwei Prozent hatten ihre Eltern bereits verloren.

Die Dauer der Betreuung zeigt, dass diese Lebensphase selten nur ein kurzer Einschnitt ist. Im Durchschnitt endet die Unterbringung außerhalb der eigenen Familie nach 2,4 Jahren. Doch auch hier gibt es Unterschiede: Während ein Aufenthalt im Heim im Schnitt 1,8 Jahre dauert, bleiben junge Menschen in Pflegefamilien mit durchschnittlich 4,3 Jahren deutlich länger. Pflegefamilien bedeuten oft mehr Kontinuität – und zugleich eine tiefere Form des Eingreifens in ein Leben, das aus den Fugen geraten ist.

61.100 junge Menschen wurden im Jahr 2024 neu aufgenommen. Hinter jeder Aufnahme steht eine Geschichte, doch die Gründe ähneln sich in ihrer Struktur. Am häufigsten wird der Ausfall der Bezugsperson genannt – in 19 Prozent der Fälle. Das kann eine unbegleitete Einreise sein, aber auch die Erkrankung eines Elternteils. Es folgt die eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern mit 15 Prozent, etwa durch Überforderung oder Unsicherheit. An dritter Stelle steht die Gefährdung des Kindeswohls – Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuelle Gewalt – mit 13 Prozent.

Es sind keine spektakulären Zahlen, keine, die Schlagzeilen im grellen Sinne erzeugen. Und doch markieren sie eine Verschiebung. Mehr junge Menschen wachsen wieder außerhalb ihrer Familien auf. Dahinter stehen individuelle Brüche, gesellschaftliche Entwicklungen und politische Realitäten. Die Statistik bleibt sachlich. Aber zwischen ihren Zeilen liegt die Frage, wie viel Halt eine Gesellschaft geben kann – und wo er verloren geht. +++ red.

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