Der Ball der Stadt Fulda ist der gesellschaftliche Höhepunkt der Fastnachtskampagne. Am heutigen Samstagabend wird in der Orangerie wieder gefeiert und getanzt. So bedeutend, dass leicht in Vergessenheit gerät, dass die Stadt Fulda selbst an diesem Abend nicht Gastgeber ist, sondern der FKG. Die Stadt Fulda richtet nicht einmal einen Jahresempfang aus, wie er einer Kommune dieser Größenordnung gut zu Gesicht stünde. Kein offizieller Empfang, keine Einladung aus dem Rathaus – dafür aber eine Tanzfläche, die verlässlich gefüllt ist. Fastnacht kann offenbar, was Verwaltung nicht vermag.
Das Brauchtum ist dabei in sicheren Händen. Es wird gelacht, geklatscht, geschniegelt. Und irgendwo zwischen Scheinwerferlicht und Sektempfang schleicht sich das Gefühl ein, dass es weniger um Foaset geht als um Foaterpflege. Netzwerke brauchen schließlich Raum zur Bewegung.
Ein Medium führt Regie, andere spielen bereitwillig mit. Ganz entspannt. Wer möchte schon unangenehm auffallen, wenn angenehmes Auffallen deutlich komfortabler ist? Kritik passt schlecht zum Kostüm oder Smoking, und Haltung knittert bekanntlich schneller als ein Abendkleid.
Die Vorstellung der „Freunde des Abends“ folgt einem vertrauten Muster. Ein erfahrener Möglichmacher darf nicht fehlen, ein juristisch beschlagener Begleiter ebenso wenig. Alles erwartbar. Interessant wird es erst dort, wo die Symbolfigur des Abends nicht nur repräsentiert, sondern selbst repräsentiert wird. Krone trifft Kanzlei, Schärpe trifft Schaufenster.
Das ist neu. Und zugleich erstaunlich altmodisch. Denn es gab Zeiten, in denen Zurückhaltung als Auszeichnung galt. Wer Teil der Rechtspflege war, ließ andere für sich sprechen – nicht die Bühne. Heute spricht man lieber selbst. Lautlos zwar, aber äußerst sichtbar.
Dass dieses Zusammenspiel so reibungslos funktioniert, liegt an der sprichwörtlichen kurzen Distanz. Man kennt sich, man schätzt sich, man lädt sich ein. Fastnacht, Aufmerksamkeit und persönliche Nähe tanzen einen Reigen, den niemand offiziell choreografiert hat – und den doch alle kennen.
Für zusätzliche Bodenhaftung sorgt ein Institut, das sich gern als Bank für alle versteht. Es ist beruhigend zu sehen, wie nah man den Menschen sein kann, wenn diese Menschen gut angezogen sind und unter Kronleuchtern stehen. Nähe ist eben eine Frage der Perspektive.
Fastnacht darf überzeichnen. Sie darf karikieren. Sie darf den Spiegel hochhalten. Problematisch wird es erst dann, wenn der Spiegel zum Werbeträger wird und die Maske zur Marke. Dann klingt „Fölsch Foll hinein“ ein wenig hohl. Und man hört stattdessen, leise, aber bestimmt: Fölsch Foll vorbei. +++ redaktion ohr











3 Kommentare
Beim Ball der Stadt Fulda ist bei mir ein Eindruck entstanden, der über diesen einzelnen Abend hinausgeht. Aus meiner persönlichen Sicht wirkt es, als habe sich die Fuldaer Zeitung mit einer sehr zurückhaltenden Rolle zufriedengegeben. Die Zeiten, in denen ein Oberbürgermeister kritisch und mit spürbarem journalistischem Abstand begleitet wurde, scheinen – so mein Eindruck – spätestens seit der Amtszeit von OB Wingenfeld vorbei zu sein. Statt klarer Distanz nehme ich eher Zurückhaltung wahr.
Gerade die Berichterstattung rund um diesen Ball verstärkt dieses Gefühl. Beteiligung scheint wichtiger zu sein als kritische Einordnung, Präsenz wichtiger als Analyse. Selbstverständlich ist es legitim, über gesellschaftliche Ereignisse zu berichten und Bilder zu veröffentlichen. Aus Lesersicht darf man jedoch die Frage stellen, ob damit der journalistische Auftrag, Machtstrukturen in der Region aufmerksam zu begleiten, zu hinterfragen und auch kritisch auszuhalten, noch ausreichend erfüllt wird. Für mich wirkt es so, als sei dieser Anspruch zumindest in den Hintergrund gerückt.
Dieser Eindruck beschränkt sich nicht allein auf die Fuldaer Zeitung. Auch andere Akteure im öffentlichen Raum scheinen sich eher mit dem zufriedenzugeben, was ihnen zugänglich gemacht wird. Das Bild von Stadttauben, die die Reste aufsammeln, mag zugespitzt sein, beschreibt aber mein Gefühl von Anpassung statt Auseinandersetzung. Der FKG und die mit ihm verbundenen Personen erscheinen dabei als ein sehr einflussreiches Netzwerk in Osthessen. Dass dieser Einfluss kaum öffentlich kritisch diskutiert wird, fällt zumindest mir auf.
All dies ist meine persönliche Wahrnehmung als Leser. Nähe mag angenehmer sein als Widerspruch, doch aus meiner Sicht kann sie eine klare Haltung nicht ersetzen. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, diese Beobachtungen öffentlich zu benennen und zur Diskussion zu stellen.
Ich freue mich für Osthessen und beglückwünsche die Region zu diesem neuen Portal. Es ist ein wichtiges Signal für Medienvielfalt und regionale Berichterstattung. Ich hoffe, dass auch die Fuldaer Zeitung daran beteiligt ist. Es wäre wünschenswert, wenn sie sich aktiv einbringt und ihre Rolle als regionale Stimme weiter behauptet, statt das Feld anderen vollständig zu überlassen.
Der Ball steht sinnbildlich für eine lokale Kultur der Selbstinszenierung, die vielen Bürgerinnen und Bürgern zunehmend fremd geworden ist. Netzwerke aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft präsentieren sich hier unter sich – öffentlich, aber nicht unbedingt transparent. Die veröffentlichten Fotos verstärken diesen Eindruck eher, als dass sie ihm entgegenwirken. Sie zeigen vor allem Repräsentation und Selbstdarstellung, lassen jedoch Distanz zur Lebensrealität vieler Menschen erkennen.