Klingbeil verteilt Milliarden, Lang fordert Nullsteuer

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Es ist ein leises Papier mit großer Wirkung: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) plant eine neue Milliarden-Entlastung für Länder und Kommunen – und versucht damit, ein zunehmend gereiztes föderales Gefüge zu beruhigen. Denn hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich politischer Druck: Aus den Ländern und Rathäusern war zuletzt deutlicher Unmut über schleppende Fortschritte bei zugesagten Hilfen zu hören.

Rund vier Milliarden Euro sollen bis 2029 fließen, verteilt auf jährlich etwa eine Milliarde. Der Entwurf aus dem Finanzministerium, über den das Magazin Politico berichtet, ist mehr als nur Haushaltsarithmetik – er ist der Versuch, ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag von Union und SPD endlich mit Substanz zu füllen.

Die Entlastung kommt in drei Teilen. Zunächst richtet sich der Blick auf die sogenannten Geberländer im Länderfinanzausgleich. Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Hamburg sollen zusammen 400 Millionen Euro erhalten. Ein Ausgleich, der politisch heikel austariert ist: Die Nehmerländer sollen durch die Regelung ausdrücklich nicht schlechter gestellt werden. Es ist der Versuch, die Balance zu halten – zwischen Solidarität und Eigeninteresse.

Der zweite Baustein zielt tiefer, dorthin, wo die Finanznot besonders sichtbar wird: in den Kommunen. 250 Millionen Euro jährlich sind vorgesehen, um Länder bei der Entlastung hochverschuldeter Städte und Gemeinden zu unterstützen. Es geht um Kassenkredite – jene kurzfristigen Finanzspritzen, die eigentlich nur Liquidität sichern sollen, aber vielerorts längst zum Dauerzustand geworden sind. Investitionen lassen sich damit nicht stemmen. „Die finanziellen Mittel sollen einen Beitrag zur Sicherstellung der Handlungsfähigkeit der Kommunen leisten“, heißt es im Entwurf. Ein Satz, der nüchtern klingt – und doch die prekäre Lage vieler Kommunen beschreibt.

Ein erheblicher Teil dieser Mittel soll nach Nordrhein-Westfalen fließen: 164,5 Millionen Euro jährlich sind eingeplant. Rheinland-Pfalz soll 35,3 Millionen Euro erhalten, Niedersachsen rund 23 Millionen. Zahlen, die zeigen, wo die Last besonders drückt – und wo politische Erwartungen entsprechend hoch sind.

Der dritte Teil des Pakets führt zurück in die Vergangenheit: zur Zusatz- und Sonderversorgung ehemaliger DDR-Staatsbeschäftigter, etwa aus Armee, Volkspolizei, Staatssicherheit, Schuldienst oder Kultur. Bislang teilen sich Bund und Länder die Kosten. Künftig soll der Bund bis 2029 einen größeren Anteil übernehmen – 60 Prozent. Für die ostdeutschen Länder bedeutet das eine jährliche Entlastung von rund 350 Millionen Euro. Auch das ist mehr als eine finanzielle Entscheidung: Es ist ein Signal in Richtung strukturschwacher Regionen, die sich oft übersehen fühlen.

Offiziell hält sich das Finanzministerium bedeckt. Eine Sprecherin verweist lediglich auf den Koalitionsauftrag und kündigt an, den Gesetzentwurf zeitnah ins Kabinett einzubringen. Doch die Stoßrichtung ist klar: Klingbeil will die Kommunen stärken – und macht daraus seine politische Priorität.

Während im Finanzministerium gerechnet wird, kommen aus der Opposition ganz andere Vorschläge. Ricarda Lang, ehemalige Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, fordert unmittelbare Entlastungen für die Bürger – und setzt dabei auf einen drastischen Schritt: die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel auf null zu senken. Eine Maßnahme, die direkt im Alltag spürbar wäre, wie sie betont.

Doch Lang bleibt nicht dabei. Sie plädiert auch für die Wiedereinführung des Neun-Euro-Tickets und ein Recht auf Homeoffice – als Antwort auf steigende Kraftstoffpreise. Bezahlt werden soll das durch eine sogenannte Übergewinnsteuer. Unternehmen, die von der Krise profitieren, insbesondere Ölkonzerne, sollen stärker belastet werden. Die Einnahmen, so die Idee, sollen jenen zugutekommen, die auf ihr Auto angewiesen sind.

Gleichzeitig warnt Lang, die Bundesregierung unterschätze die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts im Nahen Osten. Das bisherige Handeln sei zu „punktuell“, zu wenig strategisch, zu wenig umfassend.

Zwei politische Ansätze stehen damit nebeneinander: hier die strukturierte Milliardenverteilung aus dem Finanzministerium, dort der Ruf nach schnellen, spürbaren Entlastungen für Verbraucher. Beide eint das Ziel, die Folgen einer angespannten wirtschaftlichen Lage abzufedern. Doch der Weg dorthin könnte unterschiedlicher kaum sein. +++ red.

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