Die Klarnamenpflicht wird gern als zivilisatorische Maßnahme verkauft. Weniger Hass, mehr Anstand, bessere Debatten – wer könnte dagegen sein? Das Anliegen ist ehrenwert. Doch der Preis dafür könnte hoch sein: Schweigen. Und Schweigen ist der Tod jeder Demokratie.
Denn die Vorstellung, alle würden unter ihrem echten Namen mutiger, sachlicher und verantwortungsbewusster diskutieren, ist bequem – aber naiv. Nicht jeder Mensch steht gleich sicher im Leben. Wer abhängig beschäftigt ist, wer lokal verwurzelt ist, wer sich mit Kritik gegen ein dicht geknüpftes Netzwerk stellt, überlegt sich sehr genau, ob er seinen Namen unter eine unbequeme Meinung setzt. Zurückhaltung entsteht hier nicht aus mangelnder Haltung, sondern aus Selbsterhaltung.
Gerade in kleinen, stark vernetzten Regionen wirkt sozialer Druck wie eine unsichtbare Zensur. Man kennt sich, man beobachtet sich, man merkt sich Dinge. Kritik wird schnell persönlich, Gegenrede schnell riskant. Ob daraus immer reale Nachteile entstehen, lässt sich schwer belegen. Aber das ist fast egal: Schon die Angst davor reicht, um Stimmen verstummen zu lassen.
Brisant wird es dort, wo dieses Schweigen politisch wird. Wenn selbst Opposition – etwa in Osthessen – Kritik lieber schluckt, um ein als dominant empfundenes Geflecht nicht zu verärgern, dann ist das kein Randphänomen mehr. Dann ist das ein Alarmsignal. Eine Demokratie, in der man aus taktischer Vorsicht lieber nichts sagt, verliert ihre Schärfe – und irgendwann ihren Sinn.
Natürlich: Anonymität ist kein Freifahrtschein für Beleidigungen oder Rechtsbrüche. Das war sie nie. Strafbares ist schon heute strafbar, mit oder ohne sichtbaren Namen. Aber Anonymität kann ein legitimer Schutzraum sein – für Whistleblower, für Kritiker, für Menschen ohne Rückendeckung. Wer das ignoriert, verwechselt Ordnung mit Offenheit.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Klarname oder Chaos? Sondern: Wie schützen wir den Diskurs, ohne ihn auszutrocknen? Eine Debatte, die höflicher klingt, aber ärmer wird, ist kein Fortschritt. Sie ist Kosmetik.
Ein Ausweg liegt näher, als viele zugeben wollen – und ist im Journalismus seit Jahrzehnten Standard: Die Identität ist bekannt, aber nicht öffentlich. Die Redaktion weiß, wer spricht. Sie prüft, ordnet ein, greift ein, wenn nötig. Nach außen bleibt der Schutz bestehen. Hinweise, Leserbriefe, interne Quellen funktionieren genau so – verantwortungsvoll und rechtssicher.
Dieses Modell verbindet, was oft künstlich getrennt wird: Verantwortung und Schutz. Es verhindert anonyme Verantwortungslosigkeit, ohne kritische Stimmen dem öffentlichen Pranger auszusetzen. Wer Mist baut, kann belangt werden. Wer Missstände benennt, muss keine Angst haben.
Transparenz gegenüber einer vertrauenswürdigen Instanz reicht aus. Öffentlichkeit braucht nicht jeden Namen, sondern verlässliche Regeln. Eine Klarnamenpflicht mag den Ton dämpfen – sie dämpft aber auch den Mut. Und eine Demokratie ohne Mut ist nur noch Verwaltung. Verantwortung ja. Angst nein. +++ Redaktion OHR










