Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnt angesichts der abgeschwächten Krankenhausreform vor einer Pleitewelle, die auch dringend benötigte Kliniken treffen könnte. Die Reform, die noch von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) angestoßen worden sei, sei inzwischen „bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Die Folgen seien absehbar: „Ohne echte Reform werden Krankenhäuser weiter reihenweise in die Insolvenz stürzen.“ Besonders dramatisch sei dabei, dass es nicht nur verzichtbare Kleinkrankenhäuser treffe, sondern auch wichtige Versorger-Kliniken, die gute Arbeit leisteten und für die Versorgung unverzichtbar seien.
Die Verantwortung dafür sieht Gassen bei den Ministerpräsidenten der Länder. „Die Bundesländer sind zu den notwendigen Strukturanpassungen einfach nicht bereit, bei der Mahnwache vor der Miniklinik mit 80 Betten machen alle mit“, sagte er. Dabei seien die Kliniken mit Ausgaben von über 100 Milliarden Euro pro Jahr der mit großem Abstand größte Kostenblock im Gesundheitswesen – und das bei konstant sinkenden Patientenzahlen. Dennoch gelinge es vielerorts nicht, eine optimale Versorgung sicherzustellen und gerade die für die Versorgung wirklich wichtigen Krankenhäuser personell und finanziell vernünftig auszustatten. „Wenn es rein um die Versorgung der Patienten ginge, könnten wir in Deutschland auf etliche, teils sehr kleine Krankenhäuser, die jetzt bereits kaum noch echte Versorgung leisten, verzichten“, so Gassen. Jeder Ministerpräsident wisse das, fügte er hinzu, sage aber: „Nicht in meinem Bundesland.“
Neben der Krankenhausstruktur hat Gassen auch eine gesellschaftlich heikle Debatte angestoßen. Der Kassenärztechef regte eine Diskussion über die Maximal-Behandlung Schwerstkranker an und betonte zugleich, wie schwierig dieses Thema sei. „Aber ich finde schon: Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, ob es womöglich einen gewissen Automatismus gibt, alle medizinischen und technischen Möglichkeiten maximal auszuschöpfen, auch wenn das nicht in jedem Einzelfall im Sinne der Patienten ist“, sagte Gassen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Als früherer Notfallmediziner wisse er, wie schwer sich manche Ärzte damit täten, einen Menschen aufzugeben und zu sagen: „Ich kann nichts mehr machen.“ Das werde verständlicherweise oft als Niederlage empfunden.
Gassen reagierte damit auf Aussagen des CDU-Gesundheitspolitikers Hendrik Streeck, der die Vergabe teurer Medikamente an Hochbetagte thematisiert hatte. Eine Diskussion allein mit Blick auf Kosten oder das Alter der Patienten hält Gassen jedoch für „grundfalsch und unethisch“. Niemand wolle ernsthaft die Frage stellen, wie viel ein Leben wert sei. Zudem lägen auf Onkologie- und Palliativstationen viele schwerkranke Menschen im mittleren Alter.
Hinzu komme, dass die Menschen zwar immer länger lebten, aber nicht automatisch länger krank seien. Die letzten zwei oder drei Jahre mit intensiverer medizinischer Versorgung würden in der Regel weiter hinausgeschoben. Den Gesetzgeber sieht Gassen in dieser Frage nicht primär am Zug. Wichtig sei vielmehr, dass diese Fragen offen und sensibel besprochen würden. „Zu einer einzigen richtigen Antwort wird es ohnehin nie kommen“, sagte er der „NOZ“.
Letztlich müssten Patienten, sofern sie bewusstseinsklar seien, gemeinsam mit den behandelnden Ärzten entscheiden, was auch im Regelfall geschehe. Doch im Einzelfall den Rat zu geben, noch vier Wochen zu Hause zu leben, statt noch sechs oder sieben Wochen mit maximaler Apparatemedizin in der Klinik, erfordere Mut. Entscheidend sei aus seiner Sicht vor allem eines: „Wichtig erscheint mir, dass wir eine Kommerzialisierung des Sterbens verhindern.“ +++










