Der Wohnungsmarkt im Kreis Fulda entwickelt sich immer mehr zu einer sozialen Zerreißprobe. Besonders hart trifft es jene, die am Anfang ihres Berufslebens stehen – und jene, die es bereits hinter sich haben. Jüngere und ältere Menschen gehören zu den Verlierern, wenn es ums Wohnen geht. Darauf weist Gernot Sattler von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) eindringlich hin. Rund 4.750 Auszubildende gibt es im Landkreis Fulda, und etliche von ihnen wohnen noch bei ihren Eltern. Nicht immer freiwillig. Oft schlicht deshalb, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten können. Wohnen wird gerade für Azubis mehr und mehr zum Problem. Das zeigt der aktuelle „Soziale Wohn-Monitor“ des Pestel-Instituts, den die IG BAU mit in Auftrag gegeben hat, wie die IG BAU Hessen-Mitte betont.
Besonders dramatisch wird die Lage dort, wo Wohnen zum K.o.-Kriterium für eine Ausbildung wird. Wenn ein Ausbildungsvertrag gar nicht erst zustande kommt, weil Mieten zu hoch sind oder weder eine Wohnung noch ein WG-Zimmer in der Nähe des Ausbildungsbetriebs bezahlbar ist, dann ist das aus Sicht der Gewerkschaft nicht nur tragisch für die Betroffenen, sondern auch ein Alarmsignal für die gesamte Region. Gernot Sattler warnt unmissverständlich: Wenn Ausbildungsverträge am Wohnungsmangel und an zu hohen Mieten scheitern, dann ist das Maß voll. Das könne sich die heimische Wirtschaft nicht leisten.
Aus Sicht der IG BAU ist deshalb klar, wo Politik ansetzen muss. Bund und Land Hessen sollten den Neubau von Azubi-Wohnungen gezielt unterstützen, vor allem im Umfeld von Ausbildungszentren. Sattler spricht sich zudem für Steueranreize aus, wenn Betriebe dafür sorgen, dass ihre Auszubildenden ein Dach über dem Kopf bekommen. Doch nicht nur Auszubildende kämpfen mit steigenden Mieten. Auch Studierende geraten zunehmend unter Druck. Deshalb müsse es, so Sattler, auch in Universitätsstädten eine gezielte Förderung für den Neubau von Studierendenwohnungen geben.
Während junge Menschen kaum in den Wohnungsmarkt hineinkommen, droht vielen Älteren der soziale Abstieg in den eigenen vier Wänden. Die IG BAU Hessen-Mitte warnt vor „Wohnarmut im Alter“. Im Fokus stehen dabei die geburtenstarken Jahrgänge: Rund 28.600 Baby-Boomer leben im Landkreis Fulda. Nach Berechnungen des Pestel-Instituts werden sie bis 2035 vollständig in Rente sein. Viele von ihnen, so Sattler, werden nur eine niedrige Rente beziehen. Häufige Phasen von Arbeitslosigkeit und viele Jahre mit niedrigen Löhnen hinterlassen Spuren. Wenn diese Generation in den kommenden Jahren in den Ruhestand geht, werden etliche ihre bisherige Wohnung kaum oder gar nicht mehr bezahlen können. Sie wohnen sich regelrecht arm.
Die IG BAU sieht die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt insgesamt mit großer Sorge. Seit Jahren kennen die Mieten nur eine Richtung: nach oben. Das müsse sich ändern. Sinkende und damit bezahlbare Mieten seien dringend notwendig. Ein zentraler Hebel dafür seien mehr Sozialwohnungen. Nur mehr günstiger Wohnraum sorge für echten Druck auf die Mieten am Markt. Der Neubau von Sozialwohnungen müsse deshalb zur politischen Herzenssache werden – und zugleich zur Sache der politischen Vernunft, fordert Sattler.
Der „Soziale Wohn-Monitor“ des Pestel-Instituts setzt dafür eine klare Zielmarke: Die Zahl der Sozialwohnungen soll bundesweit von derzeit einer auf zwei Millionen bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts verdoppelt werden. Für Hessen bedeutet das konkret, dass es bis 2035 insgesamt 140.700 Sozialwohnungen geben muss. Um dieses Ziel zu erreichen, wären jährlich 11.200 zusätzliche Sozialwohnungen notwendig. Eine Messlatte, die hoch liegt – aber aus Sicht der IG BAU unverzichtbar ist.
Um diese Zielmarke tatsächlich zu erreichen, brauche es eine intensive Förderung durch den Bund und das Land Hessen. Dabei müssten die Fördergelder des Bundes bereits zum Baubeginn vollständig bereitstehen und dürften nicht erst über Jahre hinweg ausgeschüttet werden. Auch die Baukosten spielen eine entscheidende Rolle. Der Regelstandard „Erleichtertes Bauen“ biete hier eine ideale Lösung. Es gehe darum, einfacher zu bauen und damit für das gleiche Geld mehr Sozialwohnungen zu schaffen – und das dennoch in guter Qualität und mit niedrigen Instandhaltungskosten.
Nicht zuletzt fordert die IG BAU mehr Transparenz. Das Land Hessen müsse eine öffentliche Statistik führen, aus der hervorgeht, wo und in welchem Umfang Sozialwohnungen neu gebaut werden. Es sei wichtig zu wissen, wie viele Sozialwohnungen pro Monat in Hessen entstehen. Denn nur mit klaren Zahlen lasse sich beurteilen, ob die Politik dem Wohnungsproblem wirklich entschlossen begegnet – oder ob Jüngere und Ältere auch künftig zu den Verlierern auf dem Wohnungsmarkt gehören. +++ adm










