Hünfelder SV - Der Reiz der Schlussminuten in der Rhönkampfbahn

Fussball

Es ist ein spezielles Gefühl, Schlussminuten in der Rhönkampfbahn mitzuerleben. Bei Heimspielen der Fußballer des Hünfelder SV, wohlgemerkt. Fragen wir doch mal Aaron Gadermann, Innenverteidiger seiner Mannschaft. Der roch die Situation am Samstagnachmittag im Vergleich der Hessenliga gegen die zähe Vertretung des 1. Hanauer FC. 1:1 stand es, als Gadermann mal wieder im Strafraum des Gegners auftauchte. Und das passierte dann: Der laufbesessene Luca Uth trat einen Freistoß aus halbrechter Position, Richtung zweiter Pfosten, HSV-Kicker Maxi Fröhlich wollte den Abschluss herbeiköpfen, war aber im Abwehrclinch mit Gegenspielern, die Kugel prallte ins Zentrum - und Gadermann köpfte zum umjubelten 2:1-Siegtreffer für den HSV ein. Gadermann kennt übrigens diese Situation. Schon früh in der Saison war es, im Heimspiel gegen Fernwald, hatte er den Sieg für den HSV herbeigeköpft in letzter Minute. Nein, Sekunde. Und dieses Tor-Gen, das hat er sich wohl in Jugendzeiten erworben, als er Tore am Fließband schoss.

Der Hünfelder SV hatte sich einen Sieg erkämpft, der nach Arbeit roch. Nach harter Arbeit. Schlusslicht Hanau - dieses Etikett sollten wir aus Gründen des Respekts und der Anerkennung lieber ausblenden - schälte sich als Gegner auf Augenhöhe heraus. Zumindest eine Halbzeit lang waren die Gästespieler immer in der Situation - eng, aggressiv und immer dran. Lauf- und zweikampfstark, intensiv, mutig und mit offenem Visier - solche Kontrahenten will man eigentlich nicht haben. Der HSV konnte von Glück sagen, dass er nicht schon in der 2. Minute zurücklag, als Soufiane Aamirach nur den Pfosten traf. Oder als Patrick Zech nach straffem vertikalen Pass halbrechts durch und auch an HSV-Keeper Jannis Maul vorbei war - der konstant starke Sven Kemmerzell rettete in letzter Sekunde (7.). In Minute 20 gelangte Daniel Major aus halblinker Position ins Zentrum, zog an Uth vorbei, sein Schuss aber blieb hängen. Sieben Minuten später riss Hanau wieder das zu anfangs etwas löchrige Defensivverhalten des HSV auf, als Ilias Akaouchs tolles Anspiel seinen Mitspieler Okan Savas im rechten defensiven Halbraum erreichte - dessen Schuss aber ganz knapp am langen Eck vorbeiging.

Der HSV war von der ersten Sekunde an durchaus im Spiel - so rund und flüssig wirkte das mannschaftliche Verhalten aber noch nicht. Auch von ihm ging hohe Intensität aus. Petr Paliatka aus der Drehung (4.), Jemal Kassa, dessen Abschlüsse wiederholt hängen blieben oder den Abschluss vertändelte (31.) - das blieb hängen. Kurz vor der Pause wäre fast noch die Führung herausgesprungen; auch, als Zentgrafs Flachschuss abgewehrt wurde, oder als kurz darauf Kassa nach einem Konter-Solo raus zu Fröhlich passte und Paliatka dessen Eingabe knapp verpasste (45.+1).

Doch zur Pause sagte man sich, dass einige Dinge verbessert werden mussten beim HSV. Aggressiver sein, schneller, einfacher und zielgerichteter sein, mehr Zweikämpfe zu gewinnen, die Kontrolle über das Geschehen an sich zu reißen und das Spielfeld kleiner zu halten. Kaum gesagt und gedacht, erfolgte die Reaktion auf dem Fuß. Mit größerem Sieg- und Behauptungswillen erhielten die Aktionen des Gastgebers mehr Struktur und Ausrichtung, sie verloren sich nicht mehr so schnell.

Noch aber war es wichtig, Geduld zu haben. Besonders „Maschine“ Trägler war einige Male im Abschluss-Pech. Nach Fröhlichs Flanke, als er den Kopfball nicht richtig erwischte (46.), als Zöll mit tollem Außenrist-Pass Fröhlich einsetzte und Trägler beim Abschluss eigentlich gar keinen Platz hatte (57.) - oder als sein Kopfball nach Paliatkas Flanke knapp am langen Pfosten vorbeistrich (58.).

Mit Max Lindemanns Einwechslung wurden Hünfelds Aktionen frischer und wurden mit mehr Leben gefüllt. Würde Lindemann in Abschluss-Aktionen oder auf dem Weg dorthin noch mehr seinen Körper einsetzen, wäre er eine Granate - Zulieferdienste sind aber auch wichtig. Drei Momente der Hoffnung schlossen sich an aus HSV-Sicht: Uths strammer Flachschuss (60.), als sich Lindemann nach Kemmerzells Zuspiel im Abschluss noch den Ball klauen ließ (62.), oder als sich Paliatka über rechts toll bewegte, seine Eingabe Trägler erreichte, dessen Kopfball Hanau aber kurz vor der Torlinie rettete (64.). Hünfeld schob an, drückte durch starkes Spiel über außen immer mehr aufs Tempo - und tat vieles, um in Führung zu gehen. Apropos Spiel über außen: Leon Zöll über links tat das, was er am liebsten tut: offensive Impulse zu setzen - und Paliatka lebte über rechts auf; seine Läufe ohne Ball waren einfach stark.

Plötzlich aber der Schock. Hanau war offensiv - im Gegensatz zur ersten Hälfte - gar nicht mehr im Spiel. Bis dies kam. Ecke Aamirach, Major durfte am kurzen Pfosten im Fünfmeterraum vollenden - 0:1. Wir wollen nicht der Frage nachgehen, wie der HSV in dieser Situation verteidigte - schließlich galt es, das Spiel nach Möglichkeit noch zu drehen. Und der Gastgeber arbeitete daran. Fünf Minuten später glich Hünfeld aus. Das Tor und seine Entstehung taugen fast zu einer eigenen Geschichte. Marcel Trägler holte direkt am oder auch im Strafraum - man konnte es gar nicht so genau sehen - einen Freistoß heraus. Eine Situation, die nur Fußballer mit Schläue und Intuition spüren - und die für ihr Team nutzbringend einsetzen. Lernen kann man das nicht. Und dass es ein Tor würde, das durfte man glatt ankündigen. Butterweich und mit viel Gefühl hob Leon Zöll die Kugel über die Mauer und legte sie ins Netz. Fast meinte man, Zöll habe eine Liebesbeziehung zu solch ruhenden Situationen.

Drei Abschluss-Situationen verpufften im Anschluss. Lindemanns Linksschuss rauschte knapp drüber (74.), Fröhlich bekam hinter seinen Kopfball nach Zölls gut getimter Flanke keinen Druck - und das wieder erwachte Hanau hatte im Abnutzungskampf auch Pech, als ein Schuss aus dem rechten Halbraum am langen Pfosten vorbeiging (83.). Bis, ja bis Aaron Gadermanns Moment kam. Und später Paliatka eine 2:1-Überzahlsituation schlampig ausspielte. Doch wie dem auch sei: Die speziellen Momente der Schlussminuten in der Rhönkampfbahn, sie bleiben. Fortan spricht vieles dafür, dass keiner der Zuschauer ein Spiel vorzeitig verlässt.

Hünfelder SV: Maul - Zentgraf, Dücker, Gadermann, Zöll - Kemmerzell, Uth - Paliatka, Kassa (59. Lindemann), Fröhlich - Trägler (76. Kümmel)

  1. Hanauer FC: Juricic - Belavskis, Menougong (12. Nelson), Garcia, Aamirach, Major, Zech (50. Feselmayer), Kraus, Toutoupke, Akaouch (88. Sauna), Savas

Schiedsrichter: Marcus Rolbetzki

Tore: 0:1 Daniel Major (66.), 1:1 Leon Zöll (71.), 2:1 Aaron Gadermann (90.)

Gelb-Rot: Feselmayer (78.) +++ rl

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