Gummi-Areal: Fulda darf diese Chance nicht verspielen

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Dass nach dem Aus der Gummi Bewegung in das Gelände kommt, ist zunächst ein positives Signal. Stillstand wäre fatal gewesen. Doch genau an diesem Punkt braucht es Klarheit und Haltung: Die bloße Ansiedlung eines Logistikunternehmens kann und darf nicht die Antwort auf den Verlust eines der wichtigsten Industrieareale der Stadt sein. Fulda steht vor einer Richtungsentscheidung – und sie sollte nicht aus Bequemlichkeit oder Zeitdruck getroffen werden.

Ein Areal dieser Größenordnung ist kein gewöhnliches Grundstück. Es ist ein Schlüsselraum für die Stadtentwicklung, mit Auswirkungen auf Verkehr, Wirtschaft, Umwelt und Lebensqualität über Jahrzehnte hinweg. Logistik bedeutet in der Regel große Hallen, intensiven Flächenverbrauch, zusätzlichen Schwerlastverkehr und vergleichsweise geringe Wertschöpfung. Das mag kurzfristig Investitionen bringen, langfristig aber droht eine Verfestigung von Strukturen, die kaum Spielraum für weitere Entwicklung lassen.

Nach dem schmerzhaften Strukturbruch durch die Schließung der Gummi wäre das zu wenig. Fulda hat wahrscheinlich auch Arbeitsplätze verloren, Identität eingebüßt und Vertrauen wurde erschüttert. Gerade deshalb braucht es jetzt mehr als eine funktionale Nachnutzung. Das Gelände bietet die seltene Chance, neue wirtschaftliche Perspektiven zu schaffen: für vielfältiges Gewerbe, für innovative Unternehmen, für Dienstleistungen, Handwerk oder moderne Produktionsformen. Eine Entwicklung, die zur Stadt passt und ihr Profil stärkt – nicht eine, die sie auf Jahre festlegt.

Besonders kritisch ist die verkehrliche Dimension. Ein großflächiger Logistikstandort in Stadtnähe bedeutet mehr Lkw, mehr Belastung für Straßen und Anwohner und höhere Folgekosten für die öffentliche Hand. Was heute als pragmatische Lösung erscheint, kann sich morgen als planerische Bürde erweisen. Städte, die ihre zentralen Entwicklungsflächen vorschnell vergeben haben, kennen diesen Fehler – und können ihn kaum noch korrigieren.

Deshalb braucht es jetzt eine aktive Rolle der Stadt. Planungshoheit allein reicht nicht, wenn wesentliche Entscheidungen faktisch von privaten Interessen bestimmt werden. Das Instrument des Vorkaufsrechts ist genau für solche Situationen geschaffen worden. Es gibt der Stadt die Möglichkeit, Einfluss zu sichern, Entwicklung zu steuern und langfristige Ziele umzusetzen. Diese Option nicht zu nutzen, wäre ein strategischer Fehler.

Niemand fordert Stillstand oder Verhinderung von Investitionen. Im Gegenteil: Fulda braucht Entwicklung. Aber sie braucht die richtige Entwicklung. Ein Areal von der Bedeutung des ehemaligen Gummi-Werks darf nicht zur reinen Zweckfläche werden. Es ist zu wertvoll, um es allein der kurzfristigen Verwertungslogik zu überlassen.

Der Strukturbruch ist Realität. Jetzt entscheidet sich, ob Fulda daraus einen gestalteten Neuanfang macht – oder eine einmalige Chance vergibt. Die Stadt muss Farbe bekennen. Jetzt. +++ redaktion ohr

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