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Frauke Brosius-GersGeorg-August-Zinn-Preis für Frauke Brosius-Gersdorfdorf erhielt Georg-August-Zinn-Preis

Georg-August-Zinn-Preis für Frauke Brosius-Gersdorf

Mehr als 200 Gäste sind am vergangenen Sonntag in Wiesbaden zusammengekommen, um die Rechtswissenschaftlerin Professorin Dr. Frauke Brosius-Gersdorf mit dem „Georg-August-Zinn-Preis der hessischen Sozialdemokratie“ zu ehren. Die Auszeichnung würdigt ihr langjähriges wissenschaftliches und gesellschaftliches Engagement im öffentlichen Recht, insbesondere im Verfassungs- und Sozialrecht. In der Begründung hieß es, Brosius-Gersdorf habe sich in besonderer Weise um die Stärkung von Demokratie, Grundrechten und sozialer Teilhabe verdient gemacht. Den Preis nahm sie stellvertretend für all jene entgegen, die sich für das Sozial- und Verfassungsrecht einsetzen. Als öffentlich sichtbare Stimme in zentralen rechtsstaatlichen Debatten stehe sie für Dialog, kritische Reflexion und die Verteidigung demokratischer Werte.

„Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sie ist vor allem eine Lebensform“ – mit diesem Zitat des früheren hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn eröffnete die Generalsekretärin der hessischen SPD, Dr. Josefine Koebe MdL, die Feierstunde anlässlich der Verleihung des Georg-August-Zinn-Preises 2026 im Hessischen Landtag. Der Preis erinnert in seiner Namensgebung an den Juristen, Sozialdemokraten und langjährigen Ministerpräsidenten Georg August Zinn und an dessen politisches Wirken. Demokratie, so Koebe weiter, lebe nicht von selbst: Sie sei harte Arbeit, kein Selbstläufer, und jede Generation müsse aufs Neue entschlossen für sie eintreten.

Einen besonderen Willkommensgruß richtete die Generalsekretärin an die anwesenden Mitglieder der Familie Zinn, insbesondere an die Söhne des ehemaligen Ministerpräsidenten: Professor Karl Georg Zinn, Dr. med. Georg-Christian Zinn und Dr. Philip-André Zinn mit ihren Familien. Nach Schilderungen der Nachkommen habe Georg-August Zinn Gerichten und Ehrungen stets große Bedeutung beigemessen, vor allem dann, wenn Menschen ausgezeichnet wurden, die sich in besonderer Weise um die Demokratie verdient gemacht hatten. So sei auf Zinns Vorschlag hin einst ein hessischer Bergmann als erste Persönlichkeit mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden, nachdem er bei einem Unglück seine Kameraden gerettet hatte.

Der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Tobias Eckert MdL, widmete seine Rede dem Wirken und der Persönlichkeit Georg-August Zinns. Unter der Überschrift „Georg-August Zinn – Sein Wirken ist unser Auftrag“ erinnerte er daran, dass das Jahr 2026 gleich mehrere Jubiläen markiere: den 125. Geburtstag Zinns, seinen 50. Todestag sowie den 75. Jahrestag des Beginns seiner Amtszeit als Ministerpräsident im Januar 1951. Kaum ein Demokrat, Staatsmann und Sozialdemokrat stehe so sehr für die hessische SPD und das Hessen der Nachkriegszeit wie Georg-August Zinn, sagte Eckert. Er sei mehr gewesen als der in vielen Augen erfolgreichste Ministerpräsident des Landes: ein Demokrat aus Überzeugung, ein Jurist mit klarem moralischem Kompass, der bereits mit seinem Eintritt in die SPD im Alter von 18 Jahren Haltung bezogen habe. Früh habe er sich am Widerstand der SPD gegen die nationalsozialistische Diktatur beteiligt.

Zahlreiche Gegner des NS-Regimes seien von Georg-August Zinn couragiert verteidigt worden – alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Als Staatsmann habe er aus den Erfahrungen von Diktatur, Krieg und Zusammenbruch klare Lehren gezogen. Zinns Verständnis von Demokratie, so Eckert, lasse sich am besten mit dessen eigenen Worten zusammenfassen: Demokratie sei nicht nur eine Staatsform mit institutionellen Schutzmechanismen, sondern vor allem eine Lebensform. Geboren 1901, habe Zinn die Weimarer Republik als große Hoffnung erlebt, ihr Scheitern als Katastrophe und den Nationalsozialismus als tiefen Zivilisationsbruch. Nach 1945 habe er im Zentrum der Frage gestanden, wie nach diesem Bruch ein neues, besseres politisches und gesellschaftliches Gemeinwesen aufgebaut werden könne.

In zahlreichen Ämtern und Funktionen habe sich Zinn dieser Aufgabe gestellt. Seine Erfahrung, seine rechtliche Expertise und seine moralischen Werte hätten sowohl die hessische Verfassung als auch das Grundgesetz geprägt. Seine innovative, pragmatische und zutiefst menschliche Politik habe die hessische und deutsche Nachkriegsordnung über Jahrzehnte maßgeblich gestaltet. Zinn habe stets betont, dass Werte nicht nur propagiert, sondern in konkretes Handeln übersetzt werden müssten, damit Toleranz, Freiheit und menschliche Solidarität nicht zu bloßen Festtagsphrasen verkommen.

Mit der Preisverleihung erinnerte die Hessen-SPD nicht nur an die Person Georg-August Zinn, sondern nahm das Zinn-Jahr 2026 auch zum Anlass, über die Lehren aus seinem Leben und Wirken und über die daraus erwachsenden Aufgaben der Gegenwart nachzudenken. Eckert verwies auf das eng mit Zinn verbundene Integrationsversprechen, das in dessen berühmtem Satz „Hesse ist, wer Hesse sein will!“ Ausdruck fand. Es sei Zinn darum gegangen, die gemeinsamen Werte und Normen als integralen Bestandteil von Heimat und Identität in den Mittelpunkt zu stellen. Sein Politikansatz sei sowohl wirtschaftlich als auch räumlich gedacht und etwa im Rahmen der Hessenpläne praktisch umgesetzt worden. Integration habe er als „Politik der sozialen Verantwortung“ verstanden – als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Bedeutung bis heute fortbestehe.

Der Landesvorsitzende der SPD Hessen, Sören Bartol MdL, würdigte Georg-August Zinn als einen der größten Ministerpräsidenten des Landes, der Hessen und die hessische Sozialdemokratie geprägt habe wie kaum ein anderer. Im Zentrum seines politischen Handelns habe der soziale Rechtsstaat gestanden, sein Einsatz habe einem ausgewogenen Verhältnis von Freiheit, sozialer Sicherheit und Gleichheit gegolten. Zinn habe sich für Versöhnung, gesellschaftliche Integration sowie Teilhabe und Wohlstand für alle eingesetzt – als Demokrat aus tiefster Überzeugung. Mit dem Georg-August-Zinn-Preis, so Bartol, ehre die hessische SPD Menschen und Institutionen, die sich in vorbildlicher Weise für Menschlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und sozialen Zusammenhalt engagierten, die Haltung zeigten und Verantwortung trügen.

Mit Blick auf die Preisträgerin sagte Bartol, geehrt werde eine Juristin, die mit ihrer Arbeit im Verfassungs- und Sozialrecht die Bundesrepublik seit Jahren präge. Als Wissenschaftlerin habe sie wichtige Impulse für das Verständnis des Grundgesetzes und damit für die Stärke des Rechtsstaates gegeben. Als Professorin für Verfassungs- und Sozialrecht an der Universität Potsdam verbinde sie analytische Schärfe mit nüchterner Klarheit und erinnere stets daran, dass das Grundgesetz ein Arbeitsauftrag für alle sei.

Die Laudatio hielt Professorin Dr. Katharina Lorenz, Archäologin und Präsidentin der Justus-Liebig-Universität Gießen. Wissenschaftsfreiheit, so Lorenz, sei kein Privileg des Gelehrtenstandes, sondern eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Der Georg-August-Zinn-Preis erinnere an einen Mann, der Hessen nach der Barbarei des Nationalsozialismus aus den Trümmern geführt habe. Zinn sei ein Architekt des Rechtsstaates gewesen und habe gewusst, dass Demokratie vom Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Institutionen lebe. Zugleich habe er erkannt, dass ein Rechtsstaat ein geistiges Fundament brauche – weshalb die Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Lehre in der Hessischen Verfassung so klar verankert sei.

Lorenz spannte den Bogen zur Gegenwart und fragte, was geschehe, wenn freies Denken und wissenschaftliche Unabhängigkeit selbst zum Ziel politischer Kampagnen würden. Als die Debatte um die Nominierung von Brosius-Gersdorf drohte, das Bundesverfassungsgericht in parteipolitische Auseinandersetzungen hineinzuziehen, habe diese eine Entscheidung getroffen, die Zinns Verständnis von Institutionstreue verkörpere: den Rückzug ihrer Kandidatur. Nicht aus Zweifel an sich selbst und nicht wegen haltbarer Vorwürfe, sondern um Schaden vom höchsten Gericht abzuwenden. In diesem Moment, so Lorenz, sei sie eine Verteidigerin der Verfassung gewesen. Eine Demokratie, die ihre Denkerinnen und Denker nicht schütze, verliere ihre Zukunft.

Der Verzicht auf das angestrebte Amt sei kein Zeichen von Schwäche oder politischem Kalkül gewesen, betonte Lorenz, sondern Ausdruck der Einsicht, dass das Ansehen des Bundesverfassungsgerichts schwerer wiege als die eigene Biografie. In einer Zeit zunehmender Aggressivität in politischen Debatten habe Brosius-Gersdorf das Gericht bewusst nicht zum Spielball gemacht. Das sei kein Rückzug, sondern aktiver Schutz der Verfassung. Geehrt werde sie als Wissenschaftlerin, die aufgeklärt habe, als Bürgerin, die das Gemeinwohl über das eigene gestellt habe – Dienst am Rechtsstaat in seiner reinsten Form.

In ihrer Erwiderung zeigte sich die Preisträgerin tief gerührt und dankbar. Die Auszeichnung sei für sie eine große Ehre und Freude, sagte Brosius-Gersdorf. Sie dankte der Familie Zinn für die Auswahl und bezeichnete den Preis als Ansporn und Auftrag, sich weiterhin für die Demokratie einzusetzen. Die Laudatio habe Punkte aufgegriffen, die sie im vergangenen Jahr stark belastet hätten und die sie und ihren Mann bis heute beschäftigten. Das Vermächtnis Georg-August Zinns, sein unermüdlicher Einsatz für die Demokratie, sei heute wichtiger denn je, betonte sie mit Blick auf zunehmende Angriffe auf die demokratische Ordnung. Abschließend dankte sie ihrem Ehemann, Professor Dr. Hubertus Gersdorf, für den bedingungslosen Beistand in schwierigen Zeiten.

Das Schlusswort sprach Lisa Gnadl MdL, Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion. Sie appellierte an die soziale Verantwortung, die insbesondere jungen Menschen in sozialen Medien, aber auch politischen Mandatsträgern zukomme.

Musikalisch umrahmt wurde die Preisverleihung von der Harfenistin Yvonne Böhme von der Musikakademie Wiesbaden, die Werke von Joseph Jongen, Félix Godefroid und Jan Ladislav Dussek spielte. Der Georg-August-Zinn-Preis der hessischen Sozialdemokratie wird seit 2002 alle zwei Jahre an Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Weise um Demokratie, Rechtsstaat und eine faire Gesellschaft verdient gemacht haben. Er ist mit 5.000 Euro dotiert und erinnert an Georg-August Zinn, der von 1950 bis 1969 Ministerpräsident des Landes Hessen war. fdimd/ja

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