Die Unsitte von Abozwang oder Pop-Up-Orgie

Popup

Es dauert oft keine fünf Sekunden. Kaum hat man eine Webseite geöffnet, geht es los: „Akzeptieren Sie Cookies“, „Jetzt Abo abschließen“, „Mit Werbung weiterlesen“, „Newsletter abonnieren“. Was als freie Entscheidung verkauft wird, fühlt sich für viele Leser längst wie eine digitale Zwangsbeglückung an. Im Internet ist es inzwischen weit verbreitet, dass man wählen soll: kostenlos lesen mit Werbung oder zahlen per Abo. Doch wer sich für die angeblich kostenlose Variante entscheidet, bekommt häufig etwas ganz anderes als versprochen.
Denn statt eines lesbaren Artikels beginnt eine wahre Pop-Up-Orgie. Fenster legen sich über den Text, Banner rutschen von oben ins Bild, Hinweise kleben am unteren Rand, Videos starten automatisch und rauben Aufmerksamkeit, Ladezeiten explodieren. Ungestört lesen? Für viele Nutzer praktisch unmöglich. Der eigentliche Inhalt wird zur Nebensache, der Kampf gegen Einblendungen zur Hauptbeschäftigung.

Dabei stellt sich eine ganz grundsätzliche Frage: Muss das wirklich sein? Oder ist diese aggressive Werbeflut gezielte Strategie, um Leser so lange zu nerven, bis sie entnervt doch auf den Abo-Button klicken? Viele haben genau diesen Eindruck. Die Werbung wirkt nicht wie ein Finanzierungsmodell, sondern wie eine Abschreckung mit System. Abo – ja, darüber kann man reden. Ein kleiner Hinweis, ein dezentes Fenster, eine klare Nachfrage, alles kein Problem. Doch was viele Verlage heute auffahren, sind großflächige Hinweistafeln, die den gesamten Bildschirm blockieren. Teilweise mehrfach hintereinander. Kaum schließt man ein Fenster, öffnet sich das nächste. Der Leser soll nicht informiert, sondern gelenkt werden. Ob all das gesetzlich vorgeschrieben ist, fragen sich viele. Die klare Antwort: nein. Natürlich gibt es rechtliche Vorgaben zu Cookies, Datenschutz und Einwilligungen. Doch die Art und Weise, wie diese Hinweise präsentiert werden – riesig, aufdringlich, kaum zu umgehen – ist in vielen Fällen eine bewusste Entscheidung der Betreiber. Es ist keine Pflicht, sondern eine Masche. Eine, die sich immer weiter zuspitzt.

Besonders schlimm trifft es Leser dort, wo Werbung den Inhalt nahezu unsichtbar macht. Ein trauriger Spitzenreiter sind große Wiki-Plattformen wie Fandom. Nutzer berichten seit Jahren von extrem dichter Werbung, Pop-ups mitten im Text, automatisch startenden Videos und Bannern, die beim Scrollen mitwandern. Der eigentliche Artikel wird regelrecht zerhackt. Ohne Werbeblocker ist ein normaler Besuch für viele kaum noch denkbar. Auch YouTube sorgt regelmäßig für Frust. Wer kein Premium-Abo besitzt, muss oft mehrere Werbeclips ertragen – teils lang, teils nicht überspringbar, teils mitten im Video. Viele Nutzer empfinden das nicht mehr als Werbung, sondern als gezielten Druck, endlich zu zahlen. Das Video selbst rückt in den Hintergrund, die Unterbrechung wird zur eigentlichen Erfahrung. Ein weiteres Ärgernis sind große Nachrichten- und Content-Portale, die auf sogenannte Empfehlungs-Widgets setzen. Unter Artikeln – manchmal sogar mitten im Text – tauchen Kästen mit reißerischen Überschriften auf, die wenig mit Journalismus zu tun haben. „Sie werden nicht glauben, was dann geschah“ konkurriert mit seriösen Nachrichten um Aufmerksamkeit. Diese Clickbait-Flut lenkt ab, verwirrt und zerstört den Lesefluss.

Hinzu kommen reichweitenstarke News-Seiten, bei denen Werbung gefühlt mehr Platz einnimmt als der Inhalt selbst. Links ein Banner, rechts ein Banner, oben ein Layer, unten ein Hinweis, dazu ein Pop-up für das Abo. Nutzer sprechen hier von einer gefühlten 90-zu-10-Verteilung: 90 Prozent Werbung, 10 Prozent Text. Lesen wird zur Geduldsprobe. Doch nicht nur große Medienhäuser treiben es auf die Spitze. Gerade kleinere Rezept-, Ratgeber- oder Songtext-Seiten gelten unter Internetnutzern als besonders aggressiv. Bevor man überhaupt zum eigentlichen Inhalt scrollen kann, erscheinen Newsletter-Pop-ups, Cookie-Fenster, Rabatt-Hinweise, Werbebanner und Meldungen wie „Andere Leser interessieren sich auch für …“. Der gesuchte Text ist oft ganz unten – wenn man bis dahin nicht schon aufgegeben hat.

Das Ergebnis ist ein Teufelskreis. Immer mehr Nutzer installieren Werbeblocker, nicht aus Geiz, sondern aus purem Selbstschutz. Darauf reagieren viele Seiten mit noch aggressiverer Werbung, noch größeren Bannern und noch lauteren Abo-Aufforderungen. Am Ende verlieren alle: Die Leser die Lust, die Verlage das Vertrauen. Und so bleibt eine zentrale Frage offen: Geht es im Netz noch um Information, um Inhalte, um Journalismus? Oder geht es längst nur noch darum, den Leser möglichst schnell zu nerven, zu lenken und in die Abo-Falle zu treiben? Wer heute einfach nur lesen will, braucht vor allem eines – starke Nerven. +++ adm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert