Dass sich Migros von Tegut trennt, kommt für viele plötzlich – zumindest wirkt es so, wenn man die aktuellen Reaktionen verfolgt. In Stellungnahmen, Kommentaren und Gesprächen klingt es vielerorts, als habe sich hier über Nacht eine überraschende Wendung ergeben. Doch wer die Entwicklung der vergangenen Jahre aufmerksam beobachtet hat, für den ist dieser Schritt alles andere als ein Schock. Eher wirkt er wie das Ergebnis einer Entwicklung, die sich lange und beinahe unaufhaltsam aufgebaut hat.
Schon seit geraumer Zeit war zu erkennen, dass das Engagement des Schweizer Handelskonzerns Migros bei Tegut nicht die erhoffte Dynamik entfalten konnte. Die Erwartungen waren einst hoch: ein hochwertig positionierter Supermarkt, ein klares Profil bei Nachhaltigkeit, ein Sortiment, das sich bewusst vom Massengeschmack absetzt. Doch der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist ein schwieriges Terrain. Der Wettbewerb ist erbarmungslos, die Discounter setzen mit ihren Preisen den Takt, während zugleich Kosten für Personal, Energie und Logistik steigen. In diesem Umfeld geraten gerade jene Formate unter Druck, die zwar für Qualität und Haltung stehen, deren Konzept sich jedoch nicht ohne Weiteres in einen stark preissensiblen Markt übersetzen lässt.
Tegut hat genau mit diesem Spannungsfeld zu kämpfen gehabt. Das Unternehmen steht für ein hochwertiges und nachhaltiges Angebot – Eigenschaften, die im Wettbewerb zwar Aufmerksamkeit erzeugen, wirtschaftlich aber nicht automatisch Stabilität garantieren. Während große Ketten mit gewaltiger Einkaufsmacht operieren und Discounter ihre Strukturen radikal auf Effizienz trimmen, ist der Spielraum für kleinere Premiumformate begrenzt. Über die Jahre wurde immer deutlicher, wie schwer es für Tegut wurde, in diesem Umfeld dauerhaft die gewünschte wirtschaftliche Dynamik zu entwickeln.
Hinzu kommt eine zweite Entwicklung, die den jetzigen Schritt beinahe zwangsläufig erscheinen lässt: Migros selbst steht seit einiger Zeit unter Druck. Der Konzern hat begonnen, seine Strategie neu auszurichten und sich kritischer zu fragen, welche Aktivitäten tatsächlich zum Kern des Unternehmens gehören. Mehrere Auslands- und Randgeschäfte stehen seither auf dem Prüfstand oder werden bereits abgegeben. Der Fokus soll wieder stärker auf dem Kerngeschäft in der Schweiz liegen. In diesem strategischen Umbau war Tegut schon länger ein naheliegender Kandidat für einen Verkauf.
Umso erstaunlicher wirkt deshalb die verbreitete Überraschung über die jetzige Entscheidung. Die Signale lagen seit Jahren offen auf dem Tisch. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, eine zunehmend schwierige Marktstruktur und gleichzeitig eine strategische Neuorientierung bei Migros – all das deutete darauf hin, dass das Engagement in Deutschland früher oder später neu bewertet werden würde. Wer diese Entwicklung verfolgt hat, konnte zumindest ahnen, dass ein solcher Schritt irgendwann kommen könnte.
Dabei geht es selbstverständlich auch um die Zukunft vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für sie ist die Situation keine abstrakte strategische Debatte, sondern eine Frage der eigenen Perspektive. Und doch dürfte selbst unter ihnen die Überraschung geringer sein, als es manche Reaktionen der örtlichen Presse derzeit suggerieren. Wer täglich im Unternehmen arbeitet, spürt Entwicklungen oft früher als Beobachter von außen – nicht in Form offizieller Ankündigungen, sondern in der Summe kleiner Signale, Entscheidungen und wirtschaftlicher Realitäten.
Der Verkauf ist daher weniger ein plötzlicher Bruch als vielmehr der logische Endpunkt einer Entwicklung, die sich über lange Zeit hinweg abgezeichnet hat. Entscheidungen dieser Größenordnung entstehen selten aus einem Moment heraus. Sie reifen, wachsen, verdichten sich – bis der Zeitpunkt erreicht ist, an dem eine Trennung als der konsequenteste Schritt erscheint.
Die entscheidende Frage ist nun nicht mehr, warum Migros geht. Sie lautet vielmehr: Wer kann Tegut künftig so aufstellen, dass das Unternehmen im deutschen Lebensmittelmarkt eine stabile Zukunft hat? Ein Markt, der von enormer Größe ist, aber gleichzeitig kaum Raum für strategische Experimente lässt. Ein Markt, in dem Effizienz, Größe und Preisdruck den Rhythmus bestimmen.
Und noch eine andere Frage drängt sich auf. Bei allen strukturellen Problemen und strategischen Überlegungen darf man die ehemaligen Verantwortlichen nicht völlig aus dem Blick verlieren. Haben sie wirklich keinerlei Anteil an der Entwicklung? Oder wurden Entscheidungen getroffen, die das Unternehmen zusätzlich in eine schwierige Lage gebracht haben? Auch diese Debatte wird erst noch geführt werden müssen. +++ nh











2 Kommentare
Wenn ich mir die Entwicklung der tegut Märkte und des ehemaligen Hauptmarktes in der Petersberger Straße ansehe fällt Einiges auf:
tegut, damals noch HaWeGe, hat seinerzeit auf Veranlassung von Alois Rhiel seinen Stammsupermarkt mit ausreichend Parkplätzen aufgegeben zu Lasten eines kleineren Marktes direkt im Emailierwerk. Und dort war man nur ein Markt von vielen. Und ausgerechnet der ALDI war dort nur wenige Schritte entfernt mit seinen Billigangeboten.
Doch das Umfeld um den alten Standort herum hat sich auch massiv verändert. Ein türkischer Supermarkt und andere Anbieter sind hinzugekommen. tegut war daher auch dort nicht mehr der Platzhirsch.
Und in der Innenstadt von Fulda?
Der kleine Markt in der Bahnhofstraße ist nur fußläufig erreichbar, also für Kunden mit Auto, die viel einkaufen wollen unattraktiv.
Daselbe gilt für den kleinen Markt in der Rabanusstraße mit Bäckereiangebot.
Andere Standorte waren da zwar besser aber die großen Märkte mit viel Parkfläche hab ich eigentlich nirgendwo mehr gesehen.
Und dann noch das Experiment mit dem teo: gar kein Personal mehr und auf die Ehrlichkeit der Kunden setzen. Im Ernst?
Und die Stadt Fulda? Hat das Konzept für einen großen Supermarkt auf der Ochsenwiese verschlafen! Warum eigentlich?
Von daher dürften sich kritische Beobachter der Marktsituation schon lange gefragt haben: wie lang geht das alles eigentlich noch gut?
Man kann nun nur hoffen, dass Edeka gute weitsichtige Manager hat, die außerdem viele der Standorte erhalten wird.
Denn Edeka setzt auf selbständige kleine Lebensmittelhändler mit viel Eigenverantwortung.
Ganz im Gegensatz zu anderen.
Der Artikel „Der leise Abschied von tegut“ auf Osthessenreport bringt die Entwicklung aus meiner Sicht sehr präzise auf den Punkt. Er benennt Hintergründe und Zusammenhänge, die in der regionalen Berichterstattung bislang erstaunlich wenig Beachtung gefunden haben.
Umso auffälliger ist, wie dünn viele andere Beiträge zu diesem Thema ausgefallen sind. Gerade bei einer wirtschaftlich und regional so bedeutenden Entwicklung hätte man sich an manchen Stellen mehr Tiefe, mehr Einordnung und auch mehr kritische Fragen gewünscht.
Wer sich ein umfassenderes Bild machen möchte, findet in diesem Artikel deutlich mehr Substanz als in vielen der bisherigen Berichte.