Das Unglück in der Schweiz und der Reflex der Medien

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Am frühen Morgen des 1. Januar 2026 endet eine Neujahrsnacht im Schweizer Skiort Crans-Montana in einer Katastrophe. Gegen 1:30 Uhr bricht in der Bar „Le Constellation“ ein verheerender Brand aus, während sich zahlreiche Gäste – viele von ihnen junge Menschen – im Lokal aufhalten. Nach Angaben der Behörden kommen rund 40 Menschen ums Leben, etwa 115 werden verletzt, viele davon schwer. Zahlreiche Opfer sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht identifiziert. Die Schweiz reagiert mit fünftägiger Staatstrauer, das Entsetzen reicht weit über die Landesgrenzen hinaus.

Die Ursache des Feuers ist zu diesem Zeitpunkt nicht abschließend geklärt. Ermittlungsbehörden schließen vorsätzliches Handeln wie einen Terroranschlag aus und konzentrieren sich auf die Untersuchung möglicher Sicherheitsmängel. Offizielle Stellen betonen wiederholt, dass die Ermittlungen laufen und belastbare Ergebnisse Zeit brauchen. Doch genau diese Zeit ist es, die der öffentliche Diskurs kaum zulässt.

Kaum sind die ersten Sirenen verklungen, setzt ein altbekannter medialer Reflex ein. Nationale wie internationale Medien berichten nahezu in Echtzeit. Eilmeldungen dominieren die Nachrichtenseiten, erste Opferzahlen kursieren, Augenzeugen schildern dramatische Szenen, Videos aus der Unglücksnacht verbreiten sich rasant über Onlineportale und soziale Netzwerke. In dieser frühen Phase greifen einzelne Medien auch auf nicht verifizierte Quellen zurück, um möglichst schnell Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Obwohl zentrale Fragen offen sind – wie das Feuer genau ausbrach, welche Rolle Sicherheitsstandards spielten, ob es personelle oder strukturelle Verantwortung gibt – entstehen bereits feste Erzählungen. Spekulationen über mögliche Ursachen, von technischen Defekten bis hin zu fahrlässigem Verhalten, machen die Runde, lange bevor Ermittler gesicherte Erkenntnisse vorlegen können. Schuld- und Verantwortungsnarrative werden aufgebaut, während Behörden ausdrücklich darauf hinweisen, dass belastbare Fakten noch fehlen.

Dieses Muster ist kein Einzelfall und kein spezifisch schweizerisches Phänomen. Bei großen Katastrophen weltweit zeigt sich immer wieder dieselbe Dynamik: Der Drang zur schnellen Erklärung überholt die geduldige Aufklärung. Die mediale Logik verlangt nach sofortigen Antworten, auch wenn es sie noch nicht geben kann. Die Tragödie von Crans-Montana wird so nicht nur zu einem nationalen Trauma, sondern auch zu einem Lehrstück über den Umgang der Medien mit Unsicherheit.

Klar können es Medien nicht ab, kritisiert zu werden. Dafür halten sie sich schlicht für zu wichtig. Selbstkritik passt schlecht in ein System, das sich permanent als unverzichtbarer Aufklärer inszeniert. In diesem Punkt ähneln sie erstaunlich stark jenen Politikern, die sie sonst so gern vorführen: überzeugt von der eigenen Bedeutung, empfindlich gegenüber Widerspruch und stets davon überzeugt, im großen Ganzen auf der richtigen Seite zu stehen.

Das Zusammenspiel aus realer Tragödie, unvollständigem Wissen und medialem Überbietungswettbewerb prägt die öffentliche Wahrnehmung des Unglücks. Einerseits ermöglicht die schnelle Berichterstattung eine breite und unmittelbare Information. Andererseits entstehen durch Spekulation, emotionale Zuspitzung und voreilige Deutungen Bilder, die sich festsetzen, noch bevor die Fakten feststehen. Genau an diesem Punkt setzt die Kritik am medialen Reflex an – nicht an der Berichterstattung selbst, sondern an ihrer Geschwindigkeit, ihrer Ungeduld und ihrem mangelnden Willen zur Selbstkritik. +++ adm

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