Eines vorneweg: Wir können nicht jeden Tag darüber schreiben, was in der Presselandschaft in Osthessen alles schiefläuft, auch wenn das Material dafür locker reichen würde. Und vielleicht ist genau das Teil des Problems. Denn am Ende, so heißt es gern, müssen die Leserinnen und Leser es selbst merken. Doch wie soll das eigentlich funktionieren, wenn Neutralität bereits dann behauptet wird, wenn man sich einmal einen Politiker aus einem anderen politischen Lager in die Redaktion holt? Wobei man sich ernsthaft fragen muss, was das soll und wem das dient – geht es hier wirklich um Ausgewogenheit oder doch eher um Selbstinszenierung der Redaktion? Neutral macht all das jedenfalls noch lange nicht. Es wahrt allenfalls den Anschein von Ausgewogenheit, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Parallel dazu zeigt sich in der Region ein anderes, fast schon ritualisiertes Verhalten. Blaulicht reicht aus, und der Blick wandert reflexartig aufs Handy. Rettungshubschrauber, Krankenwagen, Martinshorn – das Versprechen auf die nächste Push-Meldung liegt förmlich in der Luft. „UNFALL…“ steht dann da, groß und alarmierend, selbst wenn es sich am Ende nur um einen Zusammenstoß im Kreuzungsbereich handelt, bei dem nichts passiert ist. Halb Fulda reagiert, der Puls geht kurz hoch, die Aufmerksamkeit ist da. Und genauso schnell ist alles wieder vorbei. Mehr bleibt oft nicht, außer dem Gefühl, informiert worden zu sein, ohne wirklich etwas erfahren zu haben.
Ganz anders wird die mediale Maschinerie angeworfen, wenn ein CDU-Politiker in der Region auftaucht. Dann wird gedreht, gezoomt und geknipst, als würde der Papst höchstpersönlich den Dom betreten. Und apropos Dom: Ob Weihnachten, Ostern oder ein anderer wichtiger kirchlicher Anlass – die Speicherkarten der Kameras laufen heiß. Doch längst bleibt es nicht dabei. Auch Kreistags-, Stadt- und Gemeindeversammlungen rücken zunehmend ins Zentrum der Objektive. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass das Bild wichtiger ist als das, was dort eigentlich diskutiert und entschieden wird.
Besonders bemerkenswert ist, dass dieses Vorgehen inzwischen Nachahmer gefunden hat. Manche Portale kopieren diesen Stil, diese Fixierung auf das Visuelle, auf Präsenz und Prominenz. Eine Entwicklung, die mehr als fragwürdig ist, gerade wenn man sich fragt, was Journalismus an dieser Stelle eigentlich leisten sollte. Geht es um Inhalte oder um Klicks? Um Themen oder um Schlagzeilen? Um Einordnung oder doch nur um das nächste Foto für die Galerie?
Am Ende bleibt eine unbequeme Frage hängen: Was passiert eigentlich, wenn die meist ehrenamtlichen Anwesenden einfach Nein sagen? Dann war es das. Keine Bilder, keine Galerie, keine Story. Doch wer hat schon den Mut, genau das auszusprechen und zu sagen: Lassen Sie bitte die Knipserei? Genau dort, zwischen Blaulicht-Reflex und Kamera-Blitz, zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie schmal der Grat zwischen ernsthafter Berichterstattung und bloßer Inszenierung inzwischen geworden ist. +++ redaktion ohr











2 Kommentare
Heute konnte man im Fuldaer Stadtschloss live miterleben, wie ein Bürgermeister im Amt per Wahl bestätigt wurde, der ja bereits im Vorfeld mehr oder weniger als feststehend galt. Wenn mir früher erzählt wurde, wie sich so manches Medium verhält, habe ich bislang immer gesagt: Warum sollten die das machen? Heute habe ich es selbst erlebt. Man will so etwas wirklich nicht glauben, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Das hat mit Journalismus mal so gar nichts zu tun, das ist vielmehr Hofberichterstattung in ihrer reinsten Form.
So ist es. Genauso