Baugewerkschaft warnt vor historischem Einbruch im Wohnungsbau

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Es ist ein Satz, der nachhallt wie ein Alarmsignal in einer ohnehin angespannten Branche: Die Zahl neu gebauter Wohnungen in Deutschland wird nach Einschätzung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt auf unter 200.000 sinken. Eine Marke, die nicht nur eine statistische Größe ist, sondern für den Gewerkschaftsvorsitzenden Robert Feiger eine Zäsur beschreibt. „Damit wird eine rote Linie gerissen“, sagt er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland – und meint damit nicht weniger als das strukturelle Versagen eines zentralen Politikfeldes.

Feigers Prognose speist sich nicht aus einem einzelnen Stimmungsbild, sondern aus einem Bündel an Indikatoren: rückläufige Vorbestellungen bei Baumaterialien, gedämpfte Erwartungen in der Branche, eine Entwicklung, die sich seit Monaten abzeichnet und nun offenbar in einen neuen Tiefpunkt mündet. Unter 200.000 Wohnungen – das ist, gemessen am Bedarf, weniger als die Hälfte dessen, was eigentlich notwendig wäre. Die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und baulicher Realität klafft damit weiter auseinander.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Zahlenkolonnen oder Baukräne am Horizont. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft funktioniert. Für Feiger ist klar: Ohne ausreichend bezahlbaren Wohnraum gerät mehr ins Wanken als nur der Immobilienmarkt. Arbeitsmärkte verlieren an Dynamik, Mobilität wird zur Belastung, Zuwanderung von Fachkräften zur Herausforderung. „Wenn die Baby-Boomer in Rente gehen, dann müssen die Menschen, die deren Jobs übernehmen, auch wohnen können“, sagt er. Schon heute seien lange Pendelstrecken für viele Alltag – ein Zustand, der sich weiter verschärfen dürfte.

Besonders hart trifft die Entwicklung jene, die ohnehin wenig Spielraum haben. Steigende Mieten, knapper Wohnraum, wachsender Konkurrenzdruck: Die soziale Frage des Wohnens tritt wieder deutlicher hervor. Es ist eine stille Krise, die sich in überfüllten Zügen, langen Arbeitswegen und der Suche nach bezahlbaren Quadratmetern manifestiert.

Doch Feiger bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Er zeichnet auch die wirtschaftlichen Konsequenzen nach – und die sind gravierend. Jeder siebte Arbeitsplatz, jeder siebte Euro der Bruttowertschöpfung hängt nach seinen Angaben am Wohnungsbau. Ein Einbruch in diesem Sektor ist damit mehr als ein branchenspezifisches Problem; er wird zum gesamtwirtschaftlichen Risiko. „Ohne deutlich mehr Wohnungsbau wird es keine wirtschaftliche Erholung geben“, warnt Feiger. Wachstum, so seine These, beginnt auf der Baustelle.

Die Forderung an die Bundesregierung fällt entsprechend deutlich aus: Der Wohnungsbau müsse zum zentralen Motor der Binnenkonjunktur werden. Nicht als Randthema, sondern als Schlüsselprojekt einer versprochenen wirtschaftlichen Wende. Es ist ein Appell, der zeitlich nicht zufällig kommt. Unmittelbar vor dem Wohnungsbau-Tag in Berlin, bei dem führende Verbände der Branche zusammenkommen, verdichten sich die Signale. Die Lage ist angespannt, die Erwartungen hoch, die Stimmung – man kann es kaum anders sagen – stürmisch.

Und so bleibt am Ende ein Bild: eine Branche, die auf Sicht fährt, eine Politik unter Zugzwang und eine Gesellschaft, in der die Frage nach Wohnraum längst zur Frage nach Zukunft geworden ist. +++ red.

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