Die Unpünktlichkeit im deutschen Fernverkehr hat für die Deutsche Bahn längst nicht nur ein Imageproblem geschaffen – sie kostet auch viel Geld. Im Jahr 2025 zahlte der Konzern nach eigenen Angaben 156,1 Millionen Euro an Entschädigungen an Fahrgäste, deren Züge verspätet ankamen oder ausfielen.
Fernverkehrsvorstand Michael Peterson sagte der Süddeutschen Zeitung, die Summe entspreche zwar einer Verdreifachung im Vergleich zum Jahr 2019. Gegenüber dem Vorjahr sei sie jedoch um knapp 41 Millionen Euro gesunken.
Peterson führt diesen Rückgang vor allem darauf zurück, dass es im vergangenen Jahr keine außergewöhnlichen Ereignisse gegeben habe. „Wir gehen davon aus, dass das auch daran liegt, dass es im vergangenen Jahr keine großen Sonderereignisse wie Streiks gab“, sagte er. Gleichwohl bleibe die Lage angespannt. „Trotzdem ist es für uns eine große finanzielle Belastung.“
Dass der Fernverkehr wirtschaftlich unter Druck steht, zeigt sich auch an anderer Stelle. Medienberichten zufolge belastete die Bahn-Tochter DB Fernverkehr erneut die Gesamtbilanz des Konzerns. Die Sparte könne ihr „volles Umsatzpotenzial aktuell nicht heben“, erklärte Peterson gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
Der Grund dafür liegt vor allem im Zustand der Infrastruktur. „Die vielen Baustellen und Störungen sind für uns sehr herausfordernd“, sagte der Manager. Sperrungen wichtiger Strecken wirken sich unmittelbar auf die Einnahmen aus. „Eine mehrwöchige Sperrung bedeutet für uns nicht selten Umsatzeinbrüche im ein- oder sogar zweistelligen Millionenbereich.“
Hinzu kommen steigende Kosten. So musste DB Fernverkehr fast 300 Millionen Euro mehr für Trassenpreise bezahlen – also für die Nutzung des Schienennetzes. Gleichzeitig fiel eine staatliche Förderung geringer aus als zugesagt. „Und wenn dann auch noch die fest zugesagte Trassenpreisförderung nur zur Hälfte kommt, muss ich woanders optimieren“, sagte Peterson.
Trotz dieser Belastungen sei es gelungen, das Ergebnis vor Steuern und Zinsen im vergangenen Jahr um mehr als 100 Millionen Euro zu verbessern.
Doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten enden nicht bei Kostensteigerungen und Baustellen. Auch die Auslastung der Fernzüge bleibt ein Problem – besonders auf Strecken, auf denen Intercity-Züge parallel zu Regionalverbindungen verkehren.
Peterson sieht hier einen direkten Zusammenhang mit dem Deutschlandticket. „Grund dafür ist das Deutschlandticket. Das hat uns 15 Millionen Fahrgäste aus den Zügen gezogen“, sagte er.
Im Jahr 2025 lag die durchschnittliche Auslastung der Fernzüge bei 48 Prozent. Vor der Corona-Pandemie waren es noch 56 Prozent. „Und ja, da wollen wir wieder hinkommen“, erklärte der Fernverkehrsvorstand.
Parallel dazu verzeichnet die Bahn eine steigende Zahl von Fahrgästen ohne gültiges Ticket im Fernverkehr. Aus Antworten des Bundesjustizministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken, über die die Rheinische Post berichtet, geht hervor, dass im Jahr 2024 mehr als 268.000 Menschen ohne Fahrschein in Fernzügen der Deutschen Bahn erwischt wurden.
Ein Jahr zuvor waren es rund 264.000, 2022 knapp 214.000. Nur ein Bruchteil der Betroffenen konnte im Nachhinein einen gültigen Fahrschein vorlegen.
Mit den steigenden Zahlen wächst auch die Zahl der Strafanzeigen. Im Jahr 2024 registrierte die Bahn im Fernverkehr 18.010 Anzeigen wegen Erschleichens von Leistungen nach § 265a Strafgesetzbuch. 2023 waren es 17.125 Anzeigen, 2022 noch 12.648.
Zahlen für den öffentlichen Personennahverkehr liegen der Bundesregierung nach eigenen Angaben nicht vor. Bundesweit wurden im Jahr 2024 allerdings mehr als 140.000 Fälle von sogenannter Beförderungserschleichung registriert. Das ist mehr als 2022 mit knapp 132.000 Fällen, aber etwas weniger als 2023 mit gut 144.000.
Der Bundestagsabgeordnete Luke Hoß, rechtspolitischer Sprecher der Linken, kritisierte die Entwicklung scharf. „Immer mehr Menschen können sich kein Ticket für den Bus leisten. Der Staat drangsaliert sie dafür mit überzogenen Strafen und steckt diejenigen, die nicht zahlen können, sogar in Gefängnisse“, sagte er.
Statt Armut zu bestrafen, müsse die Bundesregierung die Verfolgung solcher Bagatelldelikte beenden und die Ersatzfreiheitsstrafe abschaffen.
Während die politischen Debatten laufen, versucht die Bahn im operativen Betrieb gegenzusteuern. Seit dem 1. März hat DB Fernverkehr die geplante Arbeitszeit des fahrenden Personals um etwa eine halbe Stunde reduziert. Auch bei besonders störanfälligen Zügen wurde zusätzliche Pufferzeit eingeplant – etwa für den Übergang von Personal zwischen zwei ICE-Verbindungen.
Insgesamt können nun bis zu 90 Minuten Reservezeit eingeplant werden.
Die Maßnahmen sollen vor allem Zugbegleiter, Lokführer und Gastronomie-Mitarbeiter entlasten. Durch die vielen Verspätungen geraten ihre Schichtpläne immer häufiger durcheinander. „Wir alle nehmen die Situation unserer Mitarbeiter sehr ernst“, sagte Peterson. „Wir steuern gegen, wo wir können.“
Schon im vergangenen Jahr hatte DB Fernverkehr zusätzliches Personal eingestellt, um Verspätungen besser abzufedern. 450 neue Mitarbeiter wurden damals beschäftigt. In diesem Jahr kommen noch einmal 150 hinzu – insgesamt also 600 zusätzliche Kräfte. „Wir tätigen hierfür große Investitionen“, erklärte Peterson.
Ein robusterer Fahrplan habe bereits erste Effekte gezeigt. In diesem Jahr sei es gelungen, die Pünktlichkeit um zweieinhalb Prozentpunkte zu verbessern. Doch die strukturellen Probleme bleiben. „Natürlich kann ich damit nicht 20 Prozentpunkte Unpünktlichkeit kompensieren, die durch kaputte Schienen und Baustellen erzeugt werden“, sagte der Fernverkehrsvorstand.
Auch intern steht das Unternehmen unter Druck. Für Unmut in der Belegschaft sorgte zuletzt eine Weisung des Managements an Zugbegleiter, in der sehr detaillierte Vorgaben zu Sauberkeit und Borddurchsagen gemacht wurden.
Peterson räumte ein, dass der Ton der Anweisung problematisch gewesen sei. „Die Weisung war in der Form, wie sie geschrieben wurde, für manche Mitarbeiter missverständlich. Das haben wir im Nachhinein auch gesehen“, sagte er.
Die Episode zeige, wie wichtig Kommunikation im Unternehmen sei. „Daran merken wir, dass wir gar nicht genug kommunizieren können.“ +++











