Die Europäische Union reagiert auf den wachsenden Druck chinesischer Autohersteller mit einem ungewöhnlichen Schritt: Brüssel arbeitet an einer wirtschaftspolitischen Allianz mit Großbritannien, Japan und Südkorea. Gemeinsam wollen die vier Partner ihre Märkte enger miteinander verbinden, sich gegen chinesische Überkapazitäten auf dem Automobilmarkt absichern und zugleich die Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen ausbauen. Das berichtet das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Kommissionskreise.
Hinter dem Vorhaben steht ein Problem, das für die europäische Automobilindustrie zunehmend an Bedeutung gewinnt. Chinesische Hersteller drängen mit wachsender Geschwindigkeit auf den europäischen Markt, während die heimischen Produzenten zugleich mit hohen Kosten, dem technologischen Wandel und dem Übergang zur Elektromobilität kämpfen. Die EU-Kommission sucht deshalb offenbar nach einer Strategie, die über einzelne Handelsmaßnahmen hinausgeht. Statt die europäischen Märkte lediglich abzuschotten, sollen die Märkte der vier Partner füreinander offenstehen.
Ein zentraler Bestandteil der geplanten Zusammenarbeit betrifft die sogenannten „Buy European“-Regeln. Mit einem geplanten Gesetz will die EU Kaufprämien für Elektroautos und steuerliche Vorteile bei Firmenflotten künftig auf europäische Fahrzeuge beschränken. Nach den derzeitigen Überlegungen sollen Fahrzeuge aus Großbritannien, Japan und Südkorea dabei wie EU-Fahrzeuge behandelt werden. Damit würden die Hersteller dieser drei Länder gegenüber anderen Drittstaaten einen erheblichen Vorteil erhalten.
Die Konstruktion ist politisch bemerkenswert. Die EU würde damit einerseits stärker darauf achten, dass öffentliche Förderung und steuerliche Vergünstigungen der europäischen Industrie zugutekommen. Andererseits würde sie die Grenzen des europäischen Marktes für ausgewählte Partner ausdrücklich offenhalten. Aus dem klassischen Gedanken des Binnenmarktes würde damit ein weiter gefasster Wirtschaftsraum entstehen, dessen Zugang nicht allein über die geografische Zugehörigkeit zur Europäischen Union definiert wird, sondern zunehmend über politische und wirtschaftliche Partnerschaften.
Zu dieser Öffnung soll ein stärkerer Schutz nach außen kommen. Geplant sind Schutzzölle gegen steigende Autoimporte, die sich am Vorgehen der EU bei Stahl orientieren sollen. Die Welthandelsorganisation sieht für solche Situationen Instrumente vor, mit denen Staaten beziehungsweise Handelsräume Schutzzölle erheben können. Die EU will diese Möglichkeiten nach Angaben des SPD-Europaabgeordneten Bernd Lange offenbar gemeinsam mit Japan, Südkorea und weiteren Partnern nutzen.
„Die EU will dieses Instrument gemeinsam mit Japan, Südkorea und anderen Partnern nutzen“, sagte Lange, der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europaparlament, dem „Handelsblatt“.
Damit zeichnet sich eine Handelspolitik ab, die weniger auf den klassischen Gegensatz von Freihandel und Protektionismus reduziert werden kann. Die EU versucht vielmehr, zwischen strategischen Partnern Handelshemmnisse abzubauen und gleichzeitig gegenüber Staaten, deren Produktionskapazitäten als Bedrohung für die heimische Industrie angesehen werden, neue Schutzmechanismen aufzubauen. Entscheidend wäre dabei die Frage, nach welchen Kriterien ein Partner als verlässlich gilt und wann aus wirtschaftlicher Konkurrenz eine Situation entsteht, die Schutzmaßnahmen rechtfertigt.
Auslöser der Initiative ist vor allem die Entwicklung des chinesischen Automobilsektors. Im ersten Quartal 2026 kamen 60 Prozent der in die EU importierten Plug-in-Hybride aus China. Seit Mai verkauften chinesische Hersteller erstmals mehr Autos in Europa als die großen japanischen Konzerne zusammen. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie schnell sich die Kräfteverhältnisse auf dem europäischen Automarkt verändern.
Für die europäische Industrie geht es dabei nicht allein um einzelne Fahrzeugmodelle oder Marktanteile. Die Automobilproduktion ist eng mit einer Vielzahl von Zulieferern, Arbeitsplätzen, Forschungs- und Entwicklungsstandorten sowie regionalen Wirtschaftsstrukturen verbunden. Eine dauerhafte Verschiebung der Produktion und Wertschöpfung könnte deshalb weitreichendere Folgen haben, als es die Statistik über importierte Fahrzeuge zunächst erkennen lässt.
Gleichzeitig steht die EU vor einem wirtschaftspolitischen Dilemma. Einerseits soll der Wettbewerb auf dem europäischen Markt erhalten bleiben, damit Verbraucher von Innovationen und günstigen Preisen profitieren. Andererseits wächst die Sorge, dass staatlich unterstützte Überkapazitäten in China zu Preisen führen könnten, gegen die europäische Hersteller kaum bestehen können. Eine vollständige Abschottung des europäischen Marktes wäre allerdings mit erheblichen wirtschaftlichen und politischen Risiken verbunden.
Die geplante Allianz versucht deshalb einen Mittelweg. Großbritannien, Japan und Südkorea gehören zu den wichtigsten Industriestaaten und verfügen über leistungsfähige Automobilkonzerne, umfangreiche technologische Kompetenzen und eigene Interessen an stabilen Lieferketten. Die gegenseitige Öffnung könnte für alle Beteiligten wirtschaftliche Vorteile bringen. Hinzu kommt die geplante Zusammenarbeit beim Abbau und bei der Verarbeitung kritischer Rohstoffe.
Gerade dieser Bereich reicht weit über den Automobilsektor hinaus. Für Batterien, Elektromotoren und zahlreiche andere Technologien werden Rohstoffe benötigt, deren Förderung und Verarbeitung weltweit stark konzentriert sind. Wer über die entsprechenden Lieferketten verfügt, besitzt damit nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen strategischen Einfluss. Eine engere Kooperation zwischen der EU, Großbritannien, Japan und Südkorea könnte deshalb den Versuch darstellen, diese Abhängigkeiten langfristig zu verringern.
Der geplante Schulterschluss wäre zugleich ein Signal an China. Die EU will offenbar nicht darauf warten, dass sich die Kräfteverhältnisse auf dem Automobilmarkt unumkehrbar verschieben. Sie versucht vielmehr, gemeinsam mit wirtschaftlich starken Partnern einen Markt zu schaffen, der offen genug für Wettbewerb bleibt, aber zugleich über Instrumente verfügt, um auf massive Importsteigerungen reagieren zu können.
Ob diese Balance gelingt, wird davon abhängen, wie die geplanten Regeln konkret ausgestaltet werden. Bevorzugte Behandlung für Fahrzeuge aus Partnerstaaten, mögliche Schutzzölle und eine engere Kooperation bei Rohstoffen können die europäische Industrie stärken. Sie bergen aber ebenso die Gefahr neuer Handelskonflikte, wenn andere Staaten die Maßnahmen als Diskriminierung ihrer Produkte betrachten.
Die Entwicklung des chinesischen Automobilmarktes macht die Entscheidung für Brüssel dennoch dringlicher. Dass chinesische Hersteller inzwischen mehr Fahrzeuge in Europa verkaufen als die großen japanischen Konzerne zusammen, markiert eine Verschiebung, die sich nicht allein mit den üblichen Schwankungen des internationalen Handels erklären lässt. Die EU steht damit vor der Frage, wie sie ihre industrielle Basis sichern will, ohne den Wettbewerb zu ersticken.
Die Antwort der Kommission scheint zunehmend in einem neuen Verständnis von Offenheit zu liegen: nicht jeder Marktteilnehmer soll dieselben Bedingungen erhalten, sondern vor allem jene Partner, mit denen politische und wirtschaftliche Interessen langfristig übereinstimmen. Für Europa wäre das ein bedeutender Wandel. Die Zeiten, in denen Handelspolitik weitgehend als Frage möglichst niedriger Zölle betrachtet wurde, scheinen jedenfalls vorbei zu sein. +++














