Wenn Medien politische Rollen übernehmen

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In Osthessen gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Und der Ausgangspunkt liegt dort, wo eigentlich Klarheit herrschen müsste: bei der sauberen Trennung der Rollen von Politik und Medien. Genau diese Grenze beginnt zu verschwimmen – und das ist brandgefährlich.

Was sich derzeit abzeichnet, ist weit mehr als eine schräge Weihnachtsposse. Im Landkreis Fulda verteilen Medienhäuser Weihnachtstüten, etwa in Feuerwachen und Krankenhäusern. Parallel dazu besucht der Fuldaer Oberbürgermeister zu Weihnachten die Hauptwache der Fuldaer Feuerwehr – was richtig und selbstverständlich ist. Nett gemeint mag all das sein. Harmlos ist es jedoch ganz sicher nicht.

Denn hier übernimmt ein Medium Aufgaben, die eindeutig in den Zuständigkeitsbereich eines Oberbürgermeisters, Bürgermeisters oder Landrats gehören. Repräsentation, Anerkennung und symbolische Gesten gegenüber Ehrenamtlichen und Einsatzkräften sind keine Werbeformate. Sie sind Ausdruck politischer Verantwortung. Punkt.

Dass es auch anders geht, zeigt der Kreis Hersfeld-Rotenburg. Dort übernimmt Landrat Warnecke diese Aufgabe persönlich. Genau so muss es sein. Die gewählten Vertreter stehen in der Pflicht – nicht Redaktionen, die im Hintergrund Anzeigenkunden haben. Alles andere ist eine Verschiebung von Verantwortung, die niemand wollen kann.

In Osthessen, zumindest im Raum Fulda, scheint dieses Selbstverständnis verloren gegangen zu sein. Wenn Medien beginnen, staatliche oder kommunale Rollen auszufüllen, ist das kein Ausdruck von besonderem Engagement, sondern ein Alarmsignal. Medien haben eine klare Aufgabe: berichten, einordnen, kritisieren. Sie sind nicht dafür da, einzuspringen, weil politische Führung entweder abwesend ist oder sich bequem zurücklehnt.

Das eigentliche Problem ist dabei nicht die Weihnachtstüte. Das Problem ist das dahinterliegende Schweigen der Verantwortlichen. Wer zulässt, dass Medien symbolisch ein Amt übernehmen, schwächt nicht nur die eigene Rolle, sondern verwischt auf gefährliche Weise die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und politischer Inszenierung.

Osthessen zeigt damit ein Muster, das nicht verharmlost werden darf. Wo Politik nicht sichtbar handelt, füllen andere das entstehende Vakuum. Und wenn Medien beginnen, Dank und Anerkennung mit Logos und Werbegeschenken zu verteilen, läuft etwas grundsätzlich falsch.

So sollte es nicht sein. Und so darf es auch nicht bleiben. +++ adm

Ein Kommentar

  • Reiner Meinhardt
    Antworten

    In Osthessen gerät in dieser Hinsicht zunehmend wirklich etwas aus dem Gleichgewicht. Der Ausgangspunkt liegt ausgerechnet dort, wo Klarheit und Distanz unverzichtbar sind: bei der sauberen Trennung von Politik und Medien. Diese Grenze scheint immer häufiger zu verschwimmen – eine Entwicklung, die kritisch zu bewerten ist. Zugleich stellt sich die unbequeme Frage, ob genau diese Trennung in der Region überhaupt noch aktiv eingefordert wird.

    Auch das Eichenzeller Portal fügt sich in dieses Bild ein. Inhaltlich orientiert es sich weitgehend an Neuenberg, ohne eigene Akzente zu setzen oder Themen eigenständig zu gewichten. Auffällig ist, dass relevante Fragen selten vertieft und problematische Entwicklungen kaum klar benannt werden. Stattdessen dominiert eine eher oberflächliche Berichterstattung, die dem journalistischen Anspruch nur eingeschränkt gerecht wird – wenn auch stellenweise fundierter als vergleichbare Inhalte aus Neuenberg.

    Zugleich entsteht der Eindruck, dass ein Teil der Bevölkerung genau diese Form der Berichterstattung akzeptiert oder sogar bevorzugt: wenig inhaltliche Substanz, dafür viele Bilder und kurze, leicht konsumierbare Botschaften. Daraus ergibt sich die grundlegende Frage, ob Medien lediglich bedienen, was nachgefragt wird – und ob eine Gesellschaft am Ende tatsächlich die Berichterstattung bekommt, die sie will.

    Von dieser Entwicklung profitiert eine Partei in der Region in besonderer Weise. Wo kritische Einordnung fehlt und politische Inhalte kaum hinterfragt werden, lassen sich Botschaften einfacher platzieren und Narrative leichter verfestigen.

    Insgesamt verstärkt sich so der Eindruck einer Medienlandschaft, in der kritische Distanz und journalistische Einordnung zunehmend zu kurz kommen – mit spürbaren Folgen für die politische Meinungsbildung in Osthessen.

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